13. Februar 2014
 

Psychoanalyse: Jüdische Identitäten - Tragödien und Paradoxien

 

Jüdische Identität in Deutschland wird nie selbstverständlich. Viele verstehen sich als Juden, obwohl sie in ihren Gemeinden nicht als solche anerkannt werden; Nachkommen jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter werden von der jüdischen Gemeinschaft nicht akzeptiert. So blieben Tausende Holocaust-Opfer und ihre Angehörigen von den Gemeinden ausgeschlossen, fühlen sich jedoch noch heute von antisemitischen Parolen persönlich berührt. Wissenschaftler und persönlich Betroffene analysierten die Problemfelder von jüdischer Identität und modernem Antisemitismus; die Studien erschienen in zwei Ausgaben der Fachzeitschrift "Psychoanalyse - Texte zur Sozialforschung".

Peter Pogany-Wnendt beginnt seine Reminiszenzen: "Der Holocaust war für meine Eltern keineswegs mit dem Ende der Verfolgung erledigt. Daher gaben sie die unverarbeiteten Auswirkungen des Erlittenen schon mit meiner Geburt an mich weiter. Da ich meine Eltern liebte, entwickelte ich instinktiv das Bedürfnis, mich um ihr Verwundetsein zu kümmern. So wurde mein Leben von Anbeginn zu einem stetigen Ringen zwischen dem Wunsch, meine Eltern zu heilen, und meinem natürlichen Bestreben nach Selbstbestimmung und Entfaltung des Eigenen. Wie konnte ich eine eigene Identität entfalten, ohne meine Eltern mit ihren Verwundungen alleine oder gar im Stich zu lassen? Mein Leben wurde zu einer stetigen Suche nach einem Weg, mich von der mir auferlegten Bürde des Holocaust zu befreien ..."

Pogany-Wnendt beschreibt und reflektiert einen langen, konfliktreichen Weg, die Heirat mit einer nichtjüdischen Frau und die Geburt einer Tochter. "Die jüdische Linie in meiner Familie wird damit formal aufhören zu existieren. Denn meine Tochter Rahel Salome ist nach den jüdischen Gesetzen keine Jüdin.

Ich frage mich, was meine getöteten Großeltern empfinden würden, wenn sie erfahren könnten, dass ihre jüdische Tradition mit mir aufhören wird zu existieren. Mich stimmt die Vorstellung, ´Endstation´ einer langen Tradition zu sein, traurig. Ich fühle in mir die menschliche Tragik, in die wir hineingeraten können, wenn wir unser Menschsein und unsere Identität über die Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Religion oder einer Nationalität definieren. Nationalismus, Rassissmus, Fremdenhass, Intoleranz, Ausgrenzung und der damit verbundene Verlust an Mitgefühl und Mitmenschlichkeit scheinen die unvermeidbare Kehrseite dieser Bestimmung des Menschseins zu sein."

Ruth Zeifert beschreibt in ihrer qualitativen Studie über "Vaterjuden" die Identitätsfrage in einer Paradoxie: Eine junge Frau definierte sich Dank ihres jüdischen Vaters als Jüdin und war in seinem Milieu zuhause. Doch wegen der nichtjüdischen Mutter wird sie offiziell nicht als Jüdin akzeptiert. Als sie von einem Deutschen mit antisemitischen Sprüchen traktiert wurde, empfand sie sich ambivalent: Einerseits war sie verletzt, anderseits wurde sie erstmals als Jüdin identifiziert und "anerkannt" ...
 

   

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