6. Januar 2014
 

Verführerische Leichen: Gunther von Hagens wird künftig als elegantes Plastinat zu besichtigen sein

 

Der prominente Leichen-Plastinator Dr. Gunther von Hagens - geboren am 10. Januar 1945 - ist an Parkinson erkrankt und bereitet sich auf das Sterben vor. Die Witwe will seinen Leichnam zum Abschied plastinieren - in einer Begrüßungspose. Die konservierten Toten aus der Werkstatt von Gunther von Hagens erreichen in der Plastination eine - wenn auch makabre - Eleganz, die zu Lebzeiten niemals möglich war. Die Psychologin Dr. Liselotte Hermes da Fonseca spricht von "verführerischen Leichen" und hat, gemeinsam mit Kollegen, das bizarre Phänomen als "gesellschaftliches Schlüsselereignis" analysiert. Die kritischen Reflexionen sind in einem Reader erschienen.

Das "Lifeseeing" in den "Körperwelten" - den öffentlichen Ausstellungen der Plastinate - löst bei Hermes da Fonseca widersprüchliche Emotionen aus: "Die inszenierte Spannung von Tod und Nichttod, Mensch und Modell, Individuum und Anonymus provoziert eine Haltung, in welcher der Betrachter sprach- und reflexionslos gebannt wird. Gerade im Glauben, alles zu sehen, werden keine unterscheidenden Grenzen mehr gezogen."

"Die Ausstellung der Plastinate hat einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch mit rechtlichen, politischen, wissenschaftlichen, kulturellen, ja sogar religiösen Zielen. Mit Definitionsverschiebungen von Begriffen wie Tabu, Würde, Kunst, Wissenschaft, Freiwilligkeit, Geschichte, Leben und Tod und somit auch von ´Leiche´ werden aber die Lebenden neu positioniert: Der Tod als ´postmortale Existenz´, als ´Auferstehung des befleischten Leibes´, ´individuell, schön und authentisch´," gewinnt eine neuartige Faszination. Hagens "Konzept von Tod und dessen technische Epiphanie sollen tabulos, ohne Angst und Trauer sein, eine schreckenlose Normalität oder gar ein besseres Leben ohne Recht und Würde ..."

Dr. Karin Dahlke ortet die Zurschaustellung der Plastinate im Bereich der Obszönitäten: "Offensichtlich verletzt von Hagens Schau eines der zentralen Tabus, mit dem die Kultur einsetzte - also das Tabu, durch welches die Toten unberührbar wurden. Tote dürfen dank des Tabus auch nicht mit Blicken berührt werden. Die Körper der Toten sind in allen Kulturen bis jetzt immer dem Blick der Lebenden entzogen. Wie Freud in `Totem und tabu´ sagt, gehört das Tabu der Toten zu einem der ältesten kulturstiftenden Gesetze, noch vor allen religiösen Regeln. Gunther von Hagens bricht dieses Tabu - und damit schreibt er sich ein in die Tradition der Moderne, des modernen Wissens mit seinem Stolz, als Tabubrecher in die Geschichte einzugehen.

Lange Zeit war es nur einer besonderen Kaste von Menschen erlaubt, den Umgang mit Toten zu pflegen: anfänglich Priestern, später ihren Nachfolgern, den Ärzten. Wenn dank der Ausstellung der plastinierten Leichname also auch die so genannte gemeine Masse ebenfalls Zutritt zu den Toten erlangt, handelt es sich dann um eine Demokratisierung des Wissens?"
 

   

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