19. August 2013
 

Dorfgeschichte im Münsterland: „Immer wieder zog es uns nach Kattenvenne ...“

 

Kattenvenne hat einen Bahnhof, einen Friedhof und auswärts ein Deppen-Image. Begriffsstutzigkeit wird in den Nachbarorten im Münsterland gern mit dem Satz quittiert: „Der kommt wohl von Kattenvenne weg.“ Zugegeben, in Kattenvenne wird die Weltgeschichte nicht geschrieben. Doch das Dorf, Ortsteil der Gemeinde Lienen, ist typisch für eine Siedlung im Münsterland. Die 700jährige Geschichte hat örtliche Honoratioren veranlasst, Historien und Histörchen authentisch in einem voluminösen Reader zusammenzustellen: Die Entwicklung der Siedlung am Moor veranschaulicht Sozialgeschichte im Münsterland en detail.

Nur ein einziges Mal geriet der Ort zwischen Münster und Osnabrück in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Der Reader referiert:

Um für die Personenbeförderung in Luftschiffen zu werben, hatte die Deutsche Luftschifffahrts-Aktiengesellschaft 19 Journalisten, darunter zwei Reporter großer britischer Tageszeitungen, zu einer Vergnügungsfahrt am 28. Juni 1910 eingeladen. Das mit 148 Metern Länge bis dahin größte Luftschiff der Welt und erste Passagierluftschiff überhaupt (LZ 7 „Deutschland“) sollte, ausgehend von Düsseldorf, einen kleinen, aber exklusiven Ausflug über das Ruhrgebiet unternehmen und zum Ausgangspunkt zurück kehren. Doch ein Unwetter kam auf, der durch einen Motorschaden schwer manövrierbare Zeppelin wurde immer weiter ins Münsterland abgetrieben und havarierte schließlich gegen Abend in der Nähe von Iburg; glücklicherweise gab es weder Verletzte noch Tote.

Mit den immer wieder gegen den starken Wind ankämpfenden noch intakten Motoren war es zuvor nur zeitweise gelungen, die Oberhand zu gewinnen, und so stand der Zeppelin stundenlang über Kattenvenne, nahm wieder Fahrt auf, umkreiste den Ort ein ums andere Mal. Von diesem Erlebnis berichteten tags darauf die Journalisten, die sich an Bord der LZ7 befunden hatten, in der Weltpresse. In der Frankfurter Zeitung hieß es: „Die ‚Deutschland’ stand wie eine Forelle im Bach, die nicht weiter will. Das Schiff schob vorwärts, seitwärts, rückwärts, aber immer wieder zog es uns nach Kattenvenne“.

Diese und andere Geschichten finden sich in dem Reader „Kattenvenne? – Kattenvenne!“, bei dem bereits der Titel erahnen lässt, dass es sich um mehr handelt als eine amateurhafte Zusammenstellung von „Beiträgen zur Geschichte eines Dorfes im Münsterland“.

Vielseitig, mit viel Humor formuliert („Die Übersichtskarte unseres Dorfes lässt keinen Zweifel zu: Es gibt Kattenvenne!“) und reich an Detailinformationen ist eine Publikation gelungen, die auf über 300 DIN A4-Seiten nicht nur Einheimischen viel zu bieten hat.

Beiträge etwa über Migration in die USA sowie nach Mittel- und Südamerika, die Suche von Nachfahren der ehemaligen Auswanderer nach ihren deutschen Wurzeln oder heimatkundliche Begriffserklärungen zeigen das Dorf in einem weltweiten Netzwerk. Persönliche Erinnerungen aus dem 20ten Jahrhundert stammen von Kattenvennern und spiegeln deutsche Sozialgeschichte, die in keinem Lehrbuch steht.

Der mutig formulierte Zusatz „Band I“ lässt auf eine ebenso spannende und unterhaltsame Fortsetzung der vorliegenden Publikation hoffen. M.W.
 

   

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