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Die herkömmlichen Marktmechanismen, wie neue
Medikamente erforscht und entwickelt werden,
spielen bei vernachlässigten Krankheiten
nicht. Eine Genfer Organisation hat deshalb
ein neues Modell entwickelt.
Millionen von Menschen leiden an
Krankheiten, gegen die es keine oder nur
veraltete Medikamente gibt. So erkranken
weltweit jedes Jahr zwischen 350 und 500
Millionen Menschen an Malaria, und täglich
sterben 3000 Kinder daran. Von der
Schlafkrankheit, einer weiteren
Tropenkrankheit, die unbehandelt zu einem
Dämmerzustand und schließlich zum Tod führt,
sind 60 Millionen Menschen in 36
afrikanischen Ländern bedroht. Jährlich
treten bis zu 70 000 neue Fälle auf, zwei
Drittel davon in Kongo-Kinshasa.
21 Medikamente in 30 Jahren
Ebenfalls vernachlässigte Krankheiten sind
das vor allem in Indien auftretende
Schwarzfieber (Kala-Azar), von dem 12
Millionen Menschen betroffen sind, sowie die
in Mittel- und Südamerika verbreitete
Chagas-Krankheit, an der mindestens 8
Millionen Menschen leiden. Alle diese
Krankheiten betreffen vor allem Menschen in
armen Ländern. Das ist auch der Hauptgrund,
weshalb kaum nach Heilmitteln dagegen
geforscht wird. Denn für das bestehende
System, wie neue Arzneimittel entwickelt
werden, sind diese Krankheiten (ökonomisch)
uninteressant. Zum Vergleich: In den
vergangenen 30 Jahren wurden über 1500
Medikamente gegen Krankheiten wie Krebs und
Herz-Kreislauf-Leiden entwickelt, die in
reichen Ländern vorherrschen, jedoch nur 21
gegen Tropenkrankheiten.
Neue Forschungsmodelle sind daher dringend
notwendig. So hat etwa die Genfer
Nonprofitorganisation DNDi (Drugs for
Neglected Diseases initiative)
Partnerschaften mit allen interessierten
Kreisen aufgebaut, um neue Medikamente gegen
vernachlässigte Tropenkrankheiten zu
entwickeln. 2003 von der Hilfsorganisation
Médecins sans Frontières und fünf
Forschungsinstituten in Brasilien,
Frankreich, Indien, Kenya und Malaysia
gegründet, hat DNDi bereits 3 Medikamente
auf den Markt gebracht, 2 gegen Malaria und
1 gegen die Schlafkrankheit.
DNDi definiert sich als virtuelles Labor und
stellt selbst keine Arzneimittel her. «Wir
arbeiten weltweit mit öffentlichen
Institutionen und der Privatwirtschaft sowie
mit Universitäten und
Nichtregierungsorganisationen zusammen»,
erläutert DNDi-Direktor Bernard Pécoul.
Zurzeit bestünden über 300 Partnerschaften.
Zu ihnen gehören unter anderem die Stiftung
Bill & Melinda Gates, Pharmaunternehmen
sowie das Schweizerische Tropeninstitut in
Basel, das sich etwa an der Erforschung
neuer Medikamente gegen die Schlafkrankheit
beteiligt. «Bei großen Gesundheitsproblemen
muss man zusammenarbeiten, um etwas zu
verändern», meint Marcel Tanner, Direktor
des Tropeninstituts und
Verwaltungsratspräsident von DNDi.
Bestehendes Verbessern
DNDi hat sich zum Ziel gesetzt, 6 bis 8 neue
Medikamente bis 2014 zu entwickeln. «Unsere
Strategie ist es, zunächst bestehende
Medikamente zu verbessern und dann neue zu
entwickeln, die zu einem erschwinglichen
Preis erhältlich sind», erklärt Pécoul. Dies
war der Fall bei der Schlafkrankheit, gegen
die DNDi eine verbesserte
Medikamentenkombination entwickeln konnte,
die erste neue Behandlung seit 25 Jahren.
Sie steht unter dem Kürzel NECT seit Mai
2009 auf der WHO-Liste der lebenswichtigen
Medikamente und wird damit in die nationale
Gesundheitspolitik betroffener Länder
aufgenommen. Anders als die bisherige
Behandlung enthält NECT keine giftige
Arsenverbindung mehr, muss jedoch immer noch
intravenös verabreicht werden. DNDi hofft
nun, bis in einem Jahr ein neues Mittel auf
den Markt zu bringen, das als Tablette
eingenommen werden kann.
Quelle:
www.nzz.ch
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