Psychoanalyse
Texte zur Sozialforschung
Herausgegeben von
 Ada Borkenhagen und Oliver Decker


7. Jahrgang - Heft 12 - Juni 2003


Kunstvolles Tätowieren und Piercing als selbstfürsorgliche Handlung
Aglaja Stirn


Zusammenfassung. In heutiger Zeit können Tätowierungen und Piercings nicht länger nur als von gesellschaftlich Ausgegrenzten oder Randgruppen praktizierte Akte angesehen werden. Es wird plädiert, für die Gruppe der traumatisierten Individuen diese Formen der Körpermodifikation neben der Retraumatisierung als Akte der Selbstfürsorge und Identitätsgewinnung anzusehen. Mit ihren Tattoos und Piercings kommemorieren diese ihre traumatischen Erlebnisse und versuchen, sich wieder machtvoll zu fühlen, indem sie sich freiwillig dem Wiedererleben ihrer psychischen / physischen Traumata in einer kontrollierten Situation (dem Akt des Tätowiert-/Gepierctwerdens) aussetzen. Die Wahl von künstlerischen Körpermodifikationsformen wie Tätowieren oder Piercen kann als Symbolisierung und Wandlung der traumatischen Erfahrung hin zu einer positiven, konstruktiven Haltung interpretiert werden, die ein spezielles, gesellschaftlich nur bedingt akzeptiertes Schönheitsideal entstehen lässt, das seinerseits wiederum dem Lebensgefühl des Traumatisierten, der sich gesellschaftlich nur bedingt zugehörig fühlt, entspricht. Im Falle extremerer Piercings, v.a. im Genitalbereich, liegen komplexe Zusammenhänge vor, die im Artikel diskutiert werden.

Schlüsselwörter: Tattoo, Piercing, Trauma, Selbstfürsorge, Identität


Dr. Aglaja Stirn
Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Psychotherapeutische Ambulanz (Hs 93)
Heinrich-Hoffmann-Straße 10
D-60528 Frankfurt am Main
Tel: 069 – 6301 5814 / 5041
Fax: 069 – 6301 6676
E-mail: stirn@em.uni-frankfurt.de


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