Psychoanalyse
Texte zur Sozialforschung
Herausgegeben von
 Ada Borkenhagen und Oliver Decker


6. Jahrgang - Heft 11 - Juni 2002


Qualitative Sozialwissenschaft und Psychotraumatologie?
Syntheseversuch anhand einer narratologisch-medienbiografischen Fallstudie über dissoziative Rezeptionsmodi
Harald Weilnböck


Zusammenfassung
Der Autor skizziert theoretische Korrespondenzen und methodologische Synergien zwischen der qualitativ-soziologischen Narrationsanalyse und dem Erzählbegriff der neueren Psycho- und Beziehungsanalysen sowie der Psychotraumatologie. Formuliert wird das Desiderat eines interdisziplinären handlungstheoretischen Modells von narrativen Prozessen, das auch für Kultur- und Medienwissenschaften anschließbar ist. Die exemplarische narrativ-biografische Fallstudie untersucht die Interview-Erzählung der Abiturientin Leila, die aktiv und kompetent am schulischen und kulturellen Leben teilnimmt, hinsichtlich ihrer Lebensgeschichte und ihres Medienrezeptionsverhaltens. Psychotraumatologisch beschreibbare Belastungsfaktoren der früh zerrütteten und gewaltlatenten Elternbeziehung und einer auch in der Jetztzeit nicht spannungsfreien Erziehungssituation werden vor dem Hintergrund einer bis in die Zeit des Nationalsozialismus reichenden familiären Dreigenerationen-Dynamik sichtbar. Sie schlagen sich bei Leila in psychoaffektiven Medienhandlungsmustern nieder, die auf dissoziativen Narrations- und Rezeptionsmodi beruhen, und führen in ihrem gegenwärtigen sozialen Leben dazu, dass zentrale Freundschaftsbeziehungen rekurrentes (projektiv-identifikatorisches) Konfliktgeschehen aufweisen.

Schlüsselwörter: Medienrezeptionsforschung, Psychotraumatologie, Narratologie, Psychoanalyse, Dissoziation, Dreigenerationen-Dynamik, Holocaust


Dr. Harald Weilnböck (Ph.D.)
(Gruppenanalyse, DAGG)
Freie Universität Berlin, Germanistik
Kurfürstendamm 123
D-10711 Berlin


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