Psychoanalyse
Texte zur Sozialforschung
Herausgegeben von
 Ada Borkenhagen und Oliver Decker


6. Jahrgang - Heft 10 - Juni 2002


Deutungen verführen...
Bemerkungen zum bislang unaufgelösten Problem der Suggestion
Oder: Psychoanalyse zwischen Kunst und Wissenschaft
Wulf Hübner


Zusammenfassung. Ganz zum Schluss seiner "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" (1916/17) bekennt Freud nicht ohne Stolz, dass wir Psychoanalytiker uns für die rechtmäßigen Erben des Hypnotismus ausgeben dürfen (S.482): mussten wir doch beim Studium der Übertragung (im vorletzten Kapitel) gewahr werden, "(d)ass wir in unserer Technik die Hypnose nur aufgegeben haben, um die Suggestion in Gestalt der Übertragung wiederzuentdecken". (S.464)

Was hier Übertragung heißt, lässt sich in drei Aspekte gliedern: 1. die "Aktualisierung des Vergangenen", 2. die "Verschiebung auf die Person des Arztes" und 3. das suggestive Element selbst, die bewusst eingesetzte "ärztliche Suggestion" (soziologischer Terminus: "Prestigesuggestion"), bei der der Analytiker den Platz des Hypnotiseurs eingenommen und an dessen Macht und Autorität teilhat.

Freuds Auflösung des Rätsels, warum "unsere therapeutische Bemühung bei den narzisstischen (im Unterschied zu den Übertragungs-, W.H.) Neurosen keinen Erfolg hat", zeigt, für wie unverzichtbar er den dritten Aspekt gehalten hat. Die so "Erkrankten...lehnen den Arzt ab, nicht in Feindseligkeit, sondern in Gleichgültigkeit." (S.465) Weder die "Erneuerung des pathologischen Konflikts" noch die "Überwindung des Verdrängungswiderstandes" (das sind die beiden ersten Aspekte) kann sich bei ihnen "herstellen" (ebd.), weil der dritte Aspekt, die "Hilfe der ärztlichen Suggestion" (S.473) bei ihnen versagt. Ihre "Objektlibido ist in Ichlibido umgesetzt worden" (S.465), sie glauben an nichts als an sich selbst und können den Arzt nicht mit der Autorität bekleiden, die "sich in Glauben an seine Mitteilungen und Auffassungen" umsetzt (S.463), ja, sie lassen "den Arzt und dessen Argumente nicht einmal zu Gehör kommen." (ebd.)

Freud selbst hatte diese drei Aspekte noch unterschieden und lässt sein skeptisches Publikum besorgt fragen, ob nicht "die Gefahr (besteht), dass die Beeinflussung des Patienten die objektive Sicherheit unserer Befunde zweifelhaft macht." (S.470)

Er reagiert darauf mit zwei Argumenten. Das erste, das inzwischen so genannte "Übereinstimmungsargument" (Grünbaum 1988, S.235, Hübner 1995, Kerz-Rühling 2000) geht auf den Vorwurf gar nicht ein (ich komme darauf aber zurück), das zweite ist mehr Beschwörung denn ein Argument: "Zum Schlusse einer analytischen Kur muss die Übertragung selbst abgetragen sein... Im Grunde ist es dieser letzte Zug, welcher...die analytischen Ergebnisse von dem Verdacht befreit, suggestive Erfolge zu sein." (S.471) Denn, "wenn der Erfolg jetzt sich...erhält, so beruht er nicht auf der Suggestion, sondern auf der mit ihrer Hilfe vollbrachten Leistung..., auf der in dem Kranken erzielten inneren Veränderung." (ebd.) Das klingt nach "Frieden schaffen mit Waffen" - und wenn er jetzt sich erhält, beruht er nicht auf deren Drohung, sondern auf der mit ihrer Hilfe in den verfeindeten Menschen erzielten inneren Veränderung.

Historisch ist das wohl falsch, theoretisch höchst unbefriedigend. Letzteres vornehmlich deswegen, weil Freud (und mit ihm manche seiner modernen Kritiker) nicht nur die direkte hypnotische Suggestion als Handlung zur Erreichung eines Zweckes verstanden hat (was begrifflich korrekt ist), sondern in der "als Übertragung wirkenden Suggestion" gleichermaßen ein technisches Hilfsmittel gesehen hat. Folgt man Freud, so muss der erreichte Zweck nachträglich das Mittel heiligen, laut Kritiker vergiftet bzw. "kontaminiert" das Mittel den Zweck über die Gegenwart hinaus, macht die analytischen Befunde zweifelhaft.

So ist es bis heute dabei geblieben: "Was der Therapie zugute kommt", nämlich die größere Zuverlässigkeit der Beeinflussung durch Übertragung, "bringt die Forschung zu Schaden." (Freud a.a.O. S.470) Das ist ablesbar an Grünbaums bekannter Kritik und, mehr noch, an der hilflosen Reaktion darauf. So heißt es etwa im "Lehrbuch" von Thomä und Kaechele: "Aufgrund der bisherigen Ergebnisse der prozessual orientierten Therapieforschung kann für die zukünftigen verfeinerten Untersuchungen die Voraussage gemacht werden, dass sich die Omnibusbegriffe Suggestion und Einsicht in ein breites Spektrum kommunikativer Prozesse auflösen werden." (1985, S.381)

Nicht nur die Aktivität des Analytikers, das gezielte Einsetzen seiner Autorität, wird sich auflösen, sondern damit wird auch die Aktivität des Patienten verschwinden, zwischen den psychischen Akten "etwas glauben" und "etwas selber einsehen" unterscheiden, d.h. selber urteilen zu können. Ohne Suggestion keine Einsicht. Damit sind wir wieder beim Anfang.

Wo ist das, was Freud die treibende Kraft der Analyse genannt hat (a.a.O. S.470), geblieben?

Im theoretischen Bewusstsein der Psychoanalyse ist Übertragung nur in den beiden Dimensionen "Aktualisierung des Vergangenen" und "Verschiebung auf die Person des Analytikers" präsent, z.B. im Wörterbuch von Laplanche und Pontalis (1972). Die dritte Dimension, die laut Freud das Zustandekommen der beiden ersten zuwege bringt, kommt nicht mehr vor. Die unseligen Erfahrungen mit suggestiven Phänomenen im Nationalsozialismus haben das ihrige dazu beigetragen, diesen Aspekt des Freudschen Erbes zu unterschlagen. Er schien mit dem emanzipatorischen Auftrag und dem Wissenschaftsanspruch der Psychoanalyse nicht vereinbar. Nicht umsonst ist es das Suggestionsthema, das die Spaltung von DPG und DPV belebt, oder besser zementiert, in das "reine Gold der Analyse" (Freud, 1918, S. 193) hier und die Legierung "mit dem Kupfer der direkten Suggestion" (ebd.) dort. "Ich wäre sehr froh", heißt es etwa bei Beland, "die DPG würde das Kupfer aus ihrer Fahne heraustun". (1996, S.3) Was bleibt, kann nur die als Übertragung wirkende Suggestion sein, freilich gekürzt um eben das suggestive Element, um dann als Fahne hochgehalten zu werden.

Was im Untergrund lebt, das treibt sein Unwesen in verstellter Form. Damit es das nicht tut, muss man es hervorholen. Das will ich im Folgenden tun.

Schlüsselwörter: Deutung, Suggestion, Übertragung, Verführung


Dr. Wulf Hübner
Am Hehsel 13
D-22339 Hamburg


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