| Psychoanalyse Texte zur Sozialforschung Herausgegeben von Oliver Decker und Ada Borkenhagen |
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4. Jahrgang - Heft 6 - August 2000 |
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Tabuverletzungen
und Schuldkonflikte in der Transplantationsmedizin Zusammenfassung. Nach langjährigen medizinischen, juristischen und parlamentarischen Debatten trat im Dezember 1997 in der Bundesrepublik Deutschland das Transplantationsgesetz in Kraft. Neben Fragen der Organisation der Organentnahme wurde juridisch eine neuartige Todesvorstellung eingeführt, die auf einer von der High-Tech-Medizin entwickelten Hirntoddefinition beruht. Ein Patient gilt als verstorben, wenn sein Gehirn als tot diagnostiziert, aber sein sogenannter übriger Körper noch am Leben ist. Auch wenn - wie in vielen westeuropäischen Ländern auch - die Hirntoddefinition legalisiert wurde, sind die kulturellen wie die medizinisch-wissenschaftlichen Konflikte im Hinblick auf die neue Todesvorstellung keineswegs bereinigt. Trotz aller juridischen Festschreibungen stellt der praktische Ablauf der Organspende alle, die berufsbedingt oder durch einen hirnsterbenden Angehörigen damit konfrontiert sind, immer wieder von neuem vor die Frage: Ist ein Hirntoter tatsächlich tot? Das neue Todesmodell bricht radikal mit allen bisher gültigen Todeszeichen wie Stillstand des Herzens und der Atmung, Leichenblässe, Totenstarre, Verwesungsprozesse oder Totenflecke. Demgegenüber entspricht die Pflege und der Anblick eines hirnsterbenden Patienten allen bisher allgemeinverbindlichen Zeichen des Lebens. Nur mit Hilfe apparativer und abstrakter Beweistechniken wird ein Komapatient per definitionem in eine Leiche verwandelt. Zwei tiefverwurzelte Tabus werden in dem sozialen Umgang mit einem toten Menschen und während des Prozederes der Organentnahme tangiert: Wenn die an der Explantation beteiligten Berufsgruppen der Hirntodvorstellung nicht folgen, so berührt deren Tätigkeit das Tötungsverbot. Darüber hinaus sind alle an einer Organentnahme Mitarbeitenden an der Ausweidung des Hirntoten und der Verstümmelung seines Körpers beteiligt, und der Akt dieser Leichenschändung bedarf einer besonderen ethischen Legitimation. Der vorliegende Artikel beruht auf 22 Interviews, welche die Autorin gemeinsam mit der Journalistin Ulrike Baureithel in Kliniken geführt hat. Die Gespräche geben Aufschluss über das Geschehen hinter den Kulissen der Transplantationsmedizin, die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten und Gewissenskonflikte, in die jeder - ob nun bewusst oder unbewusst - gezwungen wird, der mit dieser Therapieform in Berührung kommt. Schlüsselwörter: Transplantation, Todesdefinition, Tabuverletzung Dr.
Anna Bergmann |
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| Pabst
Science Publishers Lengerich, Berlin, Riga, Rom, Wien, Zagreb |
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