Göran Hajek
Protestantische Arbeitsethik und Herzinfarkt

Die Studie untersucht, in welcher Weise Zusammenhänge zwischen säkularisierter protestantischer Arbeitsethik, Arbeits- und Lebensbedingungen in modernen westlichen Industriegesellschaften und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestehen. Dazu wird die Rolle des säkularisierten Protestantismus in den westlichen Industriegesellschaften unter Rückgriff auf Weber und auf Autoren der Frankfurter Schule (Fromm, Adorno, Marcuse) untersucht. Hauptergebnisse der Streßforschung und damit verknüpfte Herz-Kreislauf-Risiken werden Elementen der protestantischen Arbeitsethik zugeordnet. Insbesondere unter Hinweis auf Wandlungsprozesse in den Arbeits- und Lebensbedingungen (Humanisierung der Arbeitswelt, Beschäftigungsstrukturwandel, Wertewandel; Inglehart) wird analysiert, wie sich die wandelnde Bedeutung einzelner Risikovariablen sinnvoll in gesamtgesellschaftliche Entwicklungsprozesse einordnen läßt. Es werden Ergebnisse einer eigenen empirischen Untersuchung vorgestellt, die ausgehend von der Vorstellung einer pathogenetischen Determinationskette (Schröder) folgende Stichproben befragte: 34 "Gesunde", 99 "Risiko"-Patienten (Patienten mit Funktionellen Herz-Kreislauf-Beschwerden und/oder Hypertonie) und 33 "Post-Infarkt"-Patienten (Gesamt: n = 166). In der Varianzanalyse wurden 29 Variablen aus dem Bereich der Streßforschung ermittelt, die bei Berücksichtigung der Covariate "Alter" signifikante Gruppenunterschiede aufweisen. Außerdem wurden 19 handlungsleitende Werte ermittelt, in denen sich die Post-Infarkt-Gruppe von den Gesunden signifikant unterscheidet. Faktorenanalysen ergaben 9 Belastungsfaktoren und 9 Wertfaktoren, in deren Ausprägung sich die Gruppen deutlich unterscheiden. Die aufgrund von signifikanten Gruppenunterschieden für das koronare Risiko relevanten Variablen sowie die ermittelten Belastungsfaktoren und Wertfaktoren werden tentativ der protestantischen Arbeitsethik zugeordnet. Damit können Kernaussagen zu den Zusammenhängen zwischen protestantischer Arbeitsethik, Lebensbedingungen in modernen westlichen Industriegesellschaften und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verifiziert werden. Mittels Clusteranalyse wurden folgende Anforderungs-Bewältigungs-Typen bestimmt (Kurzbeschreibung): Typ 1: Im Alltag funktionierende, aber gestreßte Durchschnittspersonen mit geringer Hoffnung auf Veränderung und geringem Feedback in der Arbeit; Typ 2: Sozial abgesicherte und relativ gesunde begabte Selbstverwirklicher, die sich dem Anpassungsdruck verweigern; Typ 3: Emotional gehemmte, konformistische Selbstüberforderer, die der protestantischen Arbeitsethik verpflichtet sind; Typ 4: Stark neurotisch belastete Außenseiter mit hohem subjektiven Leidensniveau. Typ 1 verteilt sich relativ ausgewogen auf alle drei Teilstichproben - mit Schwerpunkt "Gesunde" und "Risiko", Typ 2 repräsentiert vor allem die "Gesunden", Typ 3 vor allem die Herz-Kreislauf-Patienten, mit Schwerpunkt "Post-Infarkt", Typ 4 ausschließlich "Risiko"-Patienten. Die Typen weisen auffallende Übereinstimmungen mit Typisierungen von Schröder (1989a, b), Grossarth-Maticek & Eysenck (1990) u.a. auf (externe Validierung).

 

1999, 260 Seiten, ISBN 3-933151-99-6, Preis:20,- Euro
Pabst Science Publishers, Lengerich



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