St. Dutke
Erinnern der Dauer: Zur zeitlichen Rekonstruktion 
von Handlungen und Ereignissen

Das Wahrnehmen und Erinnern der Dauer von Ereignissen und Handlungen gehört zu den ältesten Themen der experimentellen Psychologie. Wie erkennen wir, daß ein Vorgang länger oder kürzer dauert als gewohnt? Warum empfinden wir einen Vorgang manchmal kürzer oder länger, obwohl sich seine objektive Dauer nicht ändert? Wie können wir nachvollziehen und erinnern, wie lange ein Ereignis dauerte?

In diesem Buch werden eine Vielzahl von hauptsächlich empirischen Arbeiten gesichtet, nach theoretischen Gemeinsamkeiten geordnet und auf ihre Stärken und Schwächen hin untersucht. Besonderes Augenmerk liegt auf der Frage, wie wir die Dauer eines erlebten Ereignisses erinnern, genauer: wie wir sie reproduzieren, also die zeitliche Erstreckung dieses Ereignisses wiederherstellen können. Hierzu wird ein eigener theoretischer Ansatz vorgestellt, der aktuelle kognitionspsychologische Konstrukte integriert. Ausgangspunkt ist die Annahme, die Dauer eines Vorgangs sei implizit in der episodischen Gedächtnisrepräsentation seines Inhalts gegeben. Hieraus werden zwei Hypothesen abgeleitet: Der Rekonstruktionshypothese zufolge könne die Dauer eines Vorgangs durch die kognitive Simulation seines Verlaufs in einem temporalen mentalen Modell rekonstruiert und somit wiederhergestellt werden. Ergänzend sagt die Arbeitsgedächtnishypothese vorher, daß Verzerrungen dieser Reproduktion durch koordinative Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis während des Stimulusintervalls verursacht werden. Hierbei wird angenommen, hohe koordinative Arbeitsgedächtnisanforderungen behinderten die Konsolidierung episodischer Erinnerung und die Konstruktion zeitlicher Hinweisreize, so daß weniger vom tatsächlichen Verlauf rekonstruiert werden kann und die erinnerte Dauer sinkt.

Im empirischen Teil der Arbeit werden fünf Experimente mit insgesamt 240 erwachsenen Teilnehmern berichtet, die zeigen, (a) daß die Verfügbarkeit temporaler Hinweisreize während der Reproduktionsphase prospektive und retrospektive Zeitreproduktionen verbessert - und zwar unabhängig von den Enkodierungsbedingungen, (b) daß sich prospektive wie retrospektive Zeitreproduktionen verkürzen, wenn während des Stimulusintervalls erhöhte koordinative Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis gestellt werden. Demgegenüber (c) beeinträchtigen sequentielle Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis und Anforderungen an die visuelle Aufmerksamkeit prospektive Zeitreproduktionen nicht. Diese Ergebnisse stützen sowohl die Rekonstruktions- als auch die Arbeitsgedächtnishypothese der Zeitreproduktion und sind andererseits kaum in Einklang zu bringen mit Aufmerksamkeits- bzw. Verarbeitungsaufwands-theorien der Zeitschätzung. Vor diesem Hintergrund werden mögliche Anwendungen sowie Implikationen für Erklärungen subjektiven Zeiterlebens diskutiert.

 

1997, 216 Seiten, ISBN 3-933151-01-5, Preis:15,- Euro
Pabst Science Publishers, Lengerich



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