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2004, 432 Seiten,
ISBN 3-89967-157-0,
Preis: 30,- Euro
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Musik in der Heilkunde umfaßt mehr als Musiktherapie
oder Musikmedizin. Unter Verweis auf neueste Ergebnisse aus der
Hirnforschung und unter Einbezug der Musikgeschichte erklärt das Buch
den Zusammenhang zwischen Musik und ihrer kontextabhängigen Wirkung. Es
betont die Bedeutung individueller Persönlichkeitsstile, auf deren
ressourcenorientierter Nutzung, Erweiterung und ggf. Korrektur die
Effektivität und Effizienz individuumszentrierter Verwendung von Musik
basiert und in der Gruppe zur Entfaltung kommt.
Das Potential heilkundlicher Verwendung von Musik
erschließt sich letztlich nur, wenn Musik als Kunstform im Sinne singulär
gestalteter Ordnung respektiert wird. Solche Musik eignet sich dazu, den
Menschen ihre potentielle innere Harmonie bewußt werden zu lassen.
Hierzu bedarf es wissenschaftlich fundierter -
therapeutischer und künstlerischer - Kompetenz. Das Lehrbuch vermittelt
Impulse, Informationen und konkrete Arbeitsanleitungen für eine zeitgemäße
Musiktherapie.
Univ.-Prof. Dr. Dr. Karl Hörmann, Lehrstuhlinhaber für
Musik- und Tanzpädagogik, Dipl.-Musikpädagoge, Schul- und
A-Kirchenmusiker, leitet das berufsbegleitende Weiterbildungsstudium
Musiktherapie, Tanztherapie und Musik- und Tanztherapie an der Universität
Münster.
Rezension zu diesem Buch:
von Univ.-Prof. Dr.Dr.Dr. Wolfgang Mastnak
Während Musiktherapie in der (besonders stationären) psychiatrischen
Praxis in Europa inzwischen einen relativ gut verankerten Platz hat, ist
ihre Stellung in der wissenschaftlich fundierten medizinischen Szene
noch weitaus weniger gesichert. Das hängt unter anderem damit zusammen,
dass die positiven Erfahrungen mit der Wirksamkeit von Musiktherapie
inzwischen kaum mehr zu ignorieren sind, die musiktherapeutische
Literatur in ihrem wissenschaftlichen Anspruch aber oft nicht wesentlich
über eine bloße Zusammenstellung von Kasuistiken hinausgeht. Obiges
Buch, welchem dieses Manko nicht mehr nachgesagt werden kann, ist seit
wenigen Monaten am Markt.
Karl Hörmann, Leiter der Wissenschaftlichen Weiterbildung in Musik- und
Tanztherapie in Münster, ist in der internationalen musiktherapeutischen
Szene ein bedeutender Name, der besonders auch mit der Integration von
Musik- und Tanztherapie belegt ist. Hörmann steht für berufspolitischen
Einsatz, für Innovationen in den künstlerischen Therapien und für die
nachdrückliche Forderung wissenschaftlichen Vorgehens im
künstlerisch-therapeutischen Forschungsfeld. Eines der großen Verdienste
Hörmanns ist es dabei, Methodiken etwa aus dem Bereich der
Verbaltherapien nicht einfach adaptiert, sondern Ansätze entwickelt zu
haben, mit dem gerade das nonverbale, das ästhetisch-sensorisch Moment
für therapeutische Prozesse untersucht werden kann.
Ein erster für Hörmann entscheidender Punkt betrifft in seinem neuen
Buch die Qualitätssicherung in der Musiktherapie, in dem er mit dem
gegenwärtigen Stand der Musiktherapie keineswegs beschönigend umgeht.
Seine Forderung ist zweidimensional. In der einen Dimension fordert er
Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität. In der anderen
bezeichnet er die Qualitätsorte: Gesundheitssystem, Einrichtung,
Psychotherapeutische Dienstleistung. Wie die einzelnen Achsenkreuze sehr
konkret ausgefüllt werden, erscheint nicht nur für die Musiktherapie von
Relevanz zu sein. Dies könnte zu einem Orientierungs-Check im
Gesundheitswesen überhaupt werden.
In der Folge lotet Hörmann die Wechselspiele von musikalischer Erfahrung
und therapeutischer Indikation bzw. Effizienz aus (S.44): „Was krank
macht, kann auch heilen. Musik wird daher auch im klinischen Bereich so
verstanden. Die Musikgeschichte der Produktion und Rezeption von Musik
kann gar unter diesen beiden Gesichtspunkten betrachtet werden, als
Geschichte von der apollinischen Geistigkeit und von der dionysischen
Rauschsubstanz von Musik.“ Indem Hörmann äußerst weitsichtig und im
Detail äußerst scharf vorgeht, wird rasch klar, dass eine naive
Applikation von Musik, so als wäre nur etwa der Gusto Auswahlkriterium,
oder so, als könne bestimmte Musik ohne Ansehen der Individualität des
Patienten verordnet werden, nicht gelingen kann. „Bekanntlich gibt es
keineswegs einheitliche Umgangsweisen mit Krankheiten“ (S.149) - ein in
der Psychiatrie nur allzu belegtes Faktum. Höchst subjektiv fasst der
einzelne Musik auf, als (S.54) „indifferenten akustischen Reiz,
strukturell-analytisch, fraktal und radikal konstruktivistisch,
ganzheitlich, emotional-assoziativ“ oder als Identifikations- und
Transportmedium. Hier liegt der Schlüssel dafür, warum Musiken nicht
allzu simpel von einer Person auf die andere oder von einer Situation
auf die andere übertragen werden kann. Ein erstes Überfliegen der
Ausführungen zu „Musik als Medizin“ schreckt zunächst fast ab. Hörmann
weist auf Wirkphänomene hin, die - wie etwa die Ablenkung - nicht der
Spezifität der Musik gedankt werden können. Er kreidet kontraindizierten
Musikeinsatz ab und macht klar, warum musikalische Prozesse anders sind
als jene, die wir von der Pharmakodynamik her kennen.
Das für den therapeutischen Praktiker reichste Kapitel behandelt die
„Methodik integrativer Musikpsychologie in der Heilkunde“. Und hier
deklariert Hörmann die Improvisation als „hauptsächliches Verfahren“ in
der Musik- und auch in der Tanztherapie. Grenzt aber im gleichen
Atemzuge von solchen Verfahren ab, bei denen das bloß Aktivistische im
Zentrum steht. Nicht die Energie mit willkürlicher Aktivität ans
Instrument zu binden, ist Ziel. Dazu bräuchte es keine Musik. Und so
schneidet Hörmann immer weiter inadäquate Praktiken vom schier
unendlichen Pool dessen ab, was alles Improvisation heißt, bis sich
langsam ein klares und höchst differenziertes Bild formt, welche
individuelle Dynamik zwischen Person und improvisierter Musik erst die
sehr spezifische therapeutische Leistung erbringt. Und er macht
deutlich, dass es der tiefen Kenntnis der Musik und ihres Wesens bedarf,
um hier sinn- und verantwortungsvoll arbeiten zu können. Musikalischer
wie „humanwissenschaftlicher“ Dilettantismus schaden.
In er Folge baut Hörmann ein äußerst differenziertes Konstrukt
menschlicher Erfahrungs- und Verhaltensprozesse auf, die, ständig mit
dem Fokus auf Musiktherapie, klar machen, warum ein allzu verkürztes
„musiktherapeutisches Handeln“ ebenso scheitern muss wie etwa das
Vorhaben, mit einigen wenigen Regeln und nur mit diesen sein Leben ideal
meistern zu können. Faktorenmodelle, wie etwa jenes von Howard & Howard,
Copingstile, Beziehungen zwischen Bewegungsfaktoren, Antriebsarten,
Empfindungen und Funktionen etc. bilden ein theoretisches Gerüst, das
für die Praxis von Relevanz ist. Spätestens hier wird klar: Hörmanns
Buch ist kein einfach zu handhabendes Manual, kein simpler Ratgeber
eindimensionaler therapeutischer Methodik. Das Werk zwingt dazu, im
gesamten gelesen, durchstudiert, reflektiert, in das eigene
therapeutische Planungs- und Interaktionsrepertoire integriert zu
werden.
Selbst bei Kapiteln wie „Symbolik in den künstlerischen Therapien“, bei
denen der Eindruck entsteht, man könne gut auf das, was man etwa aus der
psychoanalytischen Literatur über Symbolik weiß, zurückgreifen, wird man
„enttäuscht“. Wobei dieses Wort im eigentlichen Sinn verstanden werden
will. Hörmann weist mit Nachdruck immer wieder darauf hin, dass
künstlerisches Erfahren und Gestalten in der Therapie nicht auf
Kategorien verbaler Kommunikation umgemünzt werden können. Weil aber
gerade in den klassischen Therapien wie Psychoanalyse, kognitive
Verhaltenstherapie, Gestalttherapie etc. so viel und so gut geforscht
wurde, so viel „know how“ allgemein präsent ist, so schwierig erscheint
es nun, sich auf die neuen Denkmuster im künstlerisch-therapeutischen
einzulassen. Nur: das Neue, die schwere Lektüre loht die Arbeit enorm.
Trotzdem: das Werk liest sich nicht trocken. Die enorme theoretische
Fülle auf hohem wissenschaftlichen Niveau wird durch Fallbeispiele nicht
bloß „aufgelockert“, sondern erhellt, in einer Sprachbedeutung
ausgeleuchtet, wie sie der abstrahierenden Wissenschaftssprache nicht
gegeben ist: von der Systemik der Beziehungen und Kommunikationsstile,
der Visualisierung von Selbst- und Fremdwahrnehmung, der Bewußtwerdung
und Sprachkompetenz, der Selbstregulation und Sinnfindung im Singen ...
Die letzten beiden Kapitel gehen in die Metareflexion: „Zur
metaphysischen Dimension von Musik in der Heilkunde“ und „Hemmnisse und
Perspektiven Künstlerischer Musiktherapie“. So integrativ Hörmanns
Ansatz in der Therapie ist, so integrativ entwickelt er auch hier in den
Diskurs. Und er scheut sich keineswegs, verschiedenste Genres, vom
romantischen Gedicht über wissenschaftliche Abhandlungen bis zu
Internet-Infos nicht nur anzuführen, sondern mit ihnen zu argumentieren,
zu arbeiten und teils heftig dem zu widersprechen, was oft ebenso heftig
als Errungenschaft unserer Zeit unreflektiert gepriesen wird. Kein
Anachronismus freilich, sondern vielmehr das feinsinnige Ausloten des
(auch krankmachenden) Wechselspiels von Mensch und Umwelt, eines
Menschen, der nicht grenzenlos Wesenszüge abstreifen, modifizieren,
ignorieren kann.
Dieser Diskurs führt Hörmann schließlich zu einer (S.288) „Synopse der
Prinzipien einer wissenschaftsorientierten Musiktherapie als Angewandter
Musikpsychologie“, in der die „drei Prinzipienkomplexe Diagnostik
(einschließlich Wahrnehmungsorganisation), Erlebnisvertiefung und
Handlungsaktivierung“ aufeinander bezogen werden. Und er fordert, bei
der Betrachtung jeder einzelnen Perspektive die anderen mit zu denken.
Das entspricht dem Anliegen des gesamten Werks: nicht eindimensional zu
erfassen, nicht zu verknappt zu handeln, nicht allzu leichtfertig von
der Richtigkeit der therapeutischen Aktion überzeugt zu sein.
Hörmanns Buch ist ein aufregendes. Nicht etwa wegen einer
plattspannenden Handlung (solches findet sich hier nicht einmal in
Andeutungen). Nicht nur wegen seiner oft äußerst markigen, teils nahezu
angriffslustig wirkenden Sprache (die allerdings diese Angriffslust nie
als Selbstzweck losbricht, sondern sehrwohl fundiert entwickelt). Es ist
so aufregend, weil es Einblicke gibt, die nicht aus anderen
therapeutischen Disziplinen transferierbar sind. Die beglückenden
Gefühle eines sich wechselseitig einfühlsam entwickelnden musikalischen
Dialogs können nicht durch ein Medikament, nicht durch eine
Verbalsitzung und nicht durch eine therapeutische Massage in dieser
spezifischen Qualität ersetzt werden. Hier wird fundiert eine Dimension
des Menschen deutlich, die von hohem therapeutischen Belang für eine
ganzheitliche Sicht des Patienten ist. Es ist aufregend, wie auf dem
theoretischen Homunkulus zunähst weiße oder in ihrer Struktur oft
unklare Bereiche Gestalt annehmen. Aber wie alles Aufregende im
Erkennen, das seine Spannung beibehält: der Preis der geistigen
Auseinandersetzung ist hoch. Ein großes Werk der Musiktherapie, ein
wichtiges in der gesamten therapeutischen Szene.
Univ.-Prof. Dr.Dr.Dr. Wolfgang Mastnak
Hochschule für Musik und Theater
Lehrstuhl für Musikpädagogik
Arcisstraße 12
D-80333 München
Tel.: 0049/89/289 - 27471
Fax: 0049/89/289 - 27479
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