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4. Ausgabe 1996 |
Einleitung der Trauerarbeit - Aufgabe des Notarztes?
A. Müller-Cyran
"Die Einleitung der Trauerarbeit hat mit der präklinischen Notfallmedizin nichts zu tun, handelt es sich dabei doch um etwas Höchstpersönliches, auf das der Notarzt keinen Einfluß nehmen kann. Außerdem ist dies nicht seine Aufgabe als Notarzt." - In der Praxis der präklinischen Notfallmedizin spielt der Aspekt der Trauer bei Hinterbliebenen nach Exitus bzw. frustraner Reanimation nur eine marginale Rolle, in der Ausbildung der Notärzte spielt sie praktisch keine.
Die Betreuung Hinterbliebener in der akuten Notfallsituation ist sinnvoll und sowohl aus medizinischen wie auch aus ethischen Gründen geboten. Von einer Betreuung profitiert nicht nur der Hinterbliebene, dessen Trauerreaktion mit ihrem Einsetzen so gut wie zu keinem späteren Zeitpunkt mehr günstig zu beeinflussen ist, sondern auch der Notarzt selbst. Die Verhinderung schwerer gesundheitlicher Folgeschäden ist eine zentrale Aufgabe der präklinischen Notfallmedizin. Die Notfallmedizin scheint dahin zu tendieren, den Begriff des "gesundheitlichen Folgeschadens" weitgehend auf somatische Diagnosen zu reduzieren. Diese Engführung (von einigen akuten psychiatrischen Zustandsbildern und Suizidalität abgesehen) auf somatische Diagnosen läßt übersehen, daß es psychische Traumatisierungen gibt, die in ihrer chronifizierten Form unstrittig als "schwerer gesundheitlicher Folgeschaden" zu bezeichnen sind (Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD - posttraumatic stress disorder) - vgl. DSM III R: 309.81; DSM IV; ICD 10: F43.1). Jedoch stellt die PTSD nicht die einzige psychotraumatologisch relevante Diagnose dar. Auch eine pathologisch verlaufende Trauerreaktion kann weitreichende und schwerwiegende Konsequenzen für die Lebensqualität betroffener Menschen haben. Im Sinne einer Prävention psychischer Traumatisierungen und der pathologischen Trauerreaktion stellt die Einleitung der Trauerarbeit bei Hinterbliebenen keinen verzichtbaren Luxus dar, den Psychologen oder Seelsorger aufgrund ihres subjektiven, vom Arzt nicht notwendig geteilten Weltbildes einfordern. Eine verantwortete Praxis der präklinischen Notfallmedizin nimmt die psychische Verfassung von Notfallpatienten und Angehörigen bzw. Hinterbliebenen in den Blick. Mit angemessenen, den begrenzten präklinischen Ressourcen entsprechenden und effektiven, keinesfalls beliebigen Maßnahmen können psychische Traumatisierungen und der Verlauf der Trauerreaktion vom Notarzt am Einsatzort niederschwellig positiv beeinflußt werden. Die Entscheidung zum frustranen Abbruch der Reanimation impliziert die Zuwendung zu Hinterbliebenen.
Die Notärztin und der Notarzt sind für die psychische Betreuung keineswegs nur auf ihre Intuition und ihr Einfühlungsvermögen angewiesen. Auch wenn psychische Traumatisierungen und Trauer individuell unterschiedlich erlebt und ausgedrückt werden, kann man für die Betreuung auf gesicherte Erkenntnisse und Empfehlungen der Psychotraumatologie zurückgreifen. Diese ersetzen nicht Intuition und Einfühlungsvermögen, sondern führen zu einer verantwortlichen Praxis im Umgang mit Traumatisierten und Trauernden, die sich an der Situation und den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert.
Mit dem Hinweis auf eine größtmögliche "Schonung" der Hinterbliebenen werden immer wieder mit gutem Willen schwere Fehler im Umgang mit Trauernden begangen. Es werden kurz einige Vorschläge für die gelungene Einleitung der Trauerarbeit genannt, die auch von dem unter Zeitdruck stehenden Notarzt realisierbar sind:
1. Machen Sie unmißverständlich deutlich, daß der Patient verstorben ist. Formulierungen wie "der Patient hat auf die Reanimation nicht angesprochen" werden vom Laien in ihrer eigentlichen Tragweite falsch gedeutet oder nicht verstanden.
2. Der Ausdruck von "herzlichem Beileid" wirkt dort floskelhaft, wo keinerlei Beziehung des Notarztes zu dem verstorbenen Patienten und seinen Hinterbliebenen bestand. Gerade in der Notfallmedizin kennt der Notarzt den Patienten nur in seltenen Fällen. Für Menschen, die erst langsam den Tod mit seiner Endgültigkeit realisieren müssen, wirken Floskeln irritierend und schaffen Distanz. Authentisch könnte z.B. der Satz sein: "Es tut mir/uns leid, wir haben Ihrem Mann nicht mehr helfen können."
3. Erklären Sie, wenn Sie gefragt werden, den Ablauf der Reanimation bzw. einzelne Maßnahmen in verständlichen Worten. Achten Sie auf mögliche Selbstschuldvorwürfe der Hinterbliebenen und entkräften Sie sie ("könnte er noch leben, wenn ich ihn gestern mit größerem Nachdruck zum Hausarzt geschickt hätte!").
4. Bieten Sie an, vom Toten Abschied zu nehmen. Die Formulierung "behalten Sie den Toten so in Erinnerung, wie Sie ihn lebend kannten" mag zunächst wohlwollend klingen. Befragungen von Trauernden kommen jedoch eindeutig zum gegenteiligen Ergebnis: wer das Angebot hatte, vom Toten Abschied zu nehmen und dieses Angebot genutzt hat, bewältigt den Verlust besser. Dies setzt voraus, daß der Hinterbliebene den Toten in einer würdigen Form vorfindet (d.h. Extubieren, Zugänge entfernen, Augen schließen, Arme an den Rumpfe legen, Abdecken). Eine erste wichtige Phase der Trauer besteht in der Realisation des Todes. Der Tod wird dann realisiert, wenn er als solcher eindeutig mitgeteilt wird (siehe 2.) und wenn der Tote "begreifbar" ist.
5. Die Gabe von Diazepam wird von vielen Trauernden retrospektiv als negativ gewertet: Diazepam verlängert und verstärkt die Symptome der akuten Belastungsreaktion (" es war alles wie im Traum", "es wirkte alles unwirklich, wie im Film", "ich stand neben mir").
6. Beziehen Sie niederschwellig zur Verfügung stehende soziale Ressourcen in die unmittelbare Betreuung ein. Lassen Sie Trauernde nicht alleine zurück, sondern überlegen Sie gemeinsam mit der/dem Trauernden, wen sie/er in dieser Situation bei sich haben möchte. Bieten Sie Ihre Hilfe an, Freunde, Verwandte oder Nachbarn anzusprechen. Verweisen Sie gegebenenfalls auf professionelle psychosoziale Beratungsstellen (besonders nach Kindstod, Suizid, Gewalterfahrung).
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