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4. Ausgabe 1996 |
Entscheidung finden/treffen in der Notfallmedizin - Leitstellendokumentation
G. Vergeiner
Die Rettungsleitstellen erheben bei der Notrufabfrage die Adresse des Notfall-ortes, vielleicht die Rückrufnummer und schließen auf Grund der Angaben des Anrufers auf das Problem. Dann wird aus einem sogenannten Indikationskatalog der Einsatz für ein Rettungsmittel abgeleitet. Der Entscheidungsprozeß wird bei dieser Vorgangsweise weder genau dokumentiert, noch beruht er auf gesichertem Wissen, sondern vielfach auf Vermutungen. Die gesamte Vorgangsweise der Notrufabfrage und die daraus resultierende Einsatzentscheidung sind daher zu überdenken. Eine weitere kritische Vorgangsweise ist das Abbrechen des Gesprächs mit dem Melder, nachdem die oben erwähnten Auskünfte erhoben wurden. Auch wenn in Mitteleuropa eine Hilfsfrist meist unter 15 Minuten erreicht wird, kommt der organisierte Rettungsdienst bei vitaler Bedrohung meist zu spät.
Eine einfache Analyse des Einsatzablaufes bestätigt dies: Nach Eintritt eines Notfalles, dauert es 1-2 Minuten, bis der Melder den Notruf absetzt. Weitere 1-2 Minuten vergehen in der Leitstelle durch Notruf-abfrage und Bearbeitung. Die Einsatzmannschaft benötigt 1-2 Minuten zum Ausrücken und bis zu 15 Minuten Fahrzeit bis zum Einsatz-ort, dort vergehen wieder 1-2 Minuten vom Rettungs- oder Notarztwagen bis zum tatsächlichen Eintreffen beim Patienten. Die Summe all dieser Detailzeiten ergibt eine Eintreffzeit, welche es den Rettungsmitteln nicht mehr erlaubt, "lebensrettend einzugreifen.
Es ist dies keine Kritik an der Leistung und der Qualität der Rettungsdienste und deren Mitarbeiter, sondern ganz einfach an der Tatsache, daß Eintreffzeiten dieser Größenordnung der Rettung von Menschenleben entgegenstehen. Eine Verbesserung der Eintreffzeiten von Rettungsmitteln ist nur mit der Verdichtung an Rettungswachen und Notarztstützpunkten möglich, angesichts der dadurch zu erwartenden Kosten und der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung scheint dies jedoch unrealistisch. Es müssen daher andere Strategien überlegt werden.
Jeder Notfallmediziner wird bestätigen, daß das menschliche Gehirn nach 4-6 Minuten ohne Sauerstoffversorgung stirbt. In den Rettungsdiensten wird jedoch dieser Tatsache zu wenig Rechnung getragen. Man hofft und bangt, daß die Rettungsmannschaft rechtzeitig am Notfallort eintrifft. Ein Lösungsweg aus diesem Dilemma ist mit Sicherheit der gestaffelte Einsatz von Rettungsmitteln mit der Rettungsleitstelle als "Erster Ersthelfer.
In den USA wurde seit 1975 ein Dispositionssystem entwickelt, welches unter der Bezeichnung "Emergency Medical Dispatch eine sehr große Verbreitung gefunden hat. Die zuständigen US-Ministerien haben dies in entsprechenden Curricula quasi als "State of the Art zusammengefaßt. Dieses System wird 1997 in deutscher Sprache, als Kartensystem oder Computersoftware, auch in Österreich verfügbar sein. In Europa wird es bereits in England, Deutschland und Italien eingesetzt. Das System, welches auf der Basis wissenschaftlicher Arbeiten von Dr. Jeff Clawson aus Salt Like City entwickelt wurde, wird allen Ansprüchen an ein standardisiertes Dispositionsverfahren gerecht, mit Schlüsselfragen, einer differenzierten Einsatzentscheidung, mit Erste Hilfe-Hinweisen, der Anleitung zu Sofortmaßnahmen und einem integrierten Qualitätssicherungssystem wird die Lücke zwischen Beginn der Notrufabfrage und dem Eintreffen des Rettungsteams beim Patienten geschlossen.
Die Notrufabfrage
Der Einstieg in das System erfolgt an Hand von SCHLÜSSELFRAGEN:
Allgemeine Schlüsselfragen:
1. Wo genau ist der Notfallort?
2. Welche Rufnummer hat das Telefon, von dem Sie gerade telefonieren?
3. Was ist vorgefallen? (Sagen Sie mir genau, was passiert ist)
4. (Wenn nicht offensichtlich) Wieviele Personen sind betroffen?
5. Wie alt ist der Patient?
6. Ist er/sie bei Bewußtsein?
7. Atmet er/sie?
8. (Wenn nicht offensichtlich) Ist der Patient männlich oder weiblich?
Diese Schlüsselfragen enthalten die "vier Gebote der Notrufabfrage: die Hauptbeschwerde, das Alter, das Bewußtsein und die Atmung. Diese wesentlichen Informationen bei der Notrufabfrage kennzeichnen die Vitalfunktionen in der Medizin. Sie müssen erfragt und den Rettungskräften weitergegeben werden.
Spezielle Schlüsselfragen, an der Hauptbeschwerde orientiert:
Beispiel: Krampfanfall
1. Hatte er/sie mehr als einen Krampfanfall?
2. (Wenn weiblich zwischen 12-50 Jahren) Ist sie schwanger?
3. Hat er/sie sich vor dem Krampf den Kopf angeschlagen?
4. Ist er/sie zuckerkrank?
5. Hat er/sie ein bekanntes Herzleiden?
6. Ist er/sie Epileptiker, oder hatte er/sie schon früher Krampfanfälle?
7. Hat das Zucken aufgehört? (Gehen Sie nachsehen. Ich bleibe am Telefon)
8. Atmet er/sie jetzt?
Die Einsatzentscheidung
Auf Grund der durch die Notrufabfrage erhobenen Fakten wird die Einsatzentscheidung getroffen. In Österreich ist es zur Zeit üblich, zwischen "AUFTRAG (= Krankentransport ohne Sondersignale) und "EINSATZ (= Notfalleinsatz mit Sondersignalen) zu unterscheiden. Im EMD-System wird jedoch der Bereich EINSATZ in vier Kategorien eingeteilt, welche eine Unterscheidung in der Dringlichkeit und Qualität der eingesetzten Rettungsmittel ermöglichen. Man unterscheidet die Katgorie "ALPHA welche einem Rettungswageneinsatz ohne Sondersignale entspricht, "BRAVO - Rettungswageneinsatz mit Sondersignalen, "CHARLY - Einsatz von Rettungswagen und Notarztrettungsmittel und "DELTA - Einsatz höchster Priorität,"Nächste Fahrzeug-Strategie, First Responder, Rettungswagen und Notarztrettungsmittel mit Sondersignalen.
Erste Hinweise - "Dispatch Life Support (DLS)
Abhängig von der ermittelten Hauptbeschwerde bietet das System die Möglichkeit, dem Anrufer erste Hinweise zu geben bzw. im Extremfall den Anrufer zur Herz-Lungen-Wiederbelebung anzuleiten.
Erste Hinweise zum Beispiel Krampfanfall:
- Bleiben Sie am Telefon, bis der Krampfanfall vorüber ist, anschließend Überprüfung der Atmung.
- Keine Wiederbelebungsmaßnahmen während der Patient zuckt.
- Versuchen Sie nicht, den Patienten festzuhalten oder niederzudrücken oder irgend etwas in seinen/ihren Mund zu stecken.
- Entfernen Sie gefährliche Gegenstände aus der Reichweite des Patienten.
- Drehen Sie den Patienten vorsichtig auf die Seite, wenn der Krampfanfall aufhört.
- Lassen Sie den Patienten nicht umhergehen.
Der gesamte Prozeß des Emergency Medical Dispatch ist zu dokumentieren und mittels Qualitätssicherung durch einen Arzt zu überwachen. Die Anwendung des Systems erfordert eine Ausbildung aller Disponenten einer Rettungsleitstelle mit Abschlußprüfung und Zertifizierung zum "Emergency Medical Dispatcher. Dieses Zertifikat ist alle zwei Jahre zu erneuern.
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