Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung 4. Ausgabe 1996


Praxis-Intensiv-Kurs Herz-Lungen-Wiederbelebung - ein neues Konzept

S. Otto, A. Vogel, T. Reinhardt, W. Dick

Einleitung

Die Versorgung eines Notfallpatienten durch Laienhelfer bis zum Eintreffen des organisierten Rettungsdienstes ist in der Praxis von grundlegender Bedeutung, da die Überlebenschancen des Notfallpatienten von den am Notfallort sofort durchgeführten Maßnahmen abhängen können. Dies gilt in ganz besonderem Maße für Patienten mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Daher ist in Deutschland seit vielen Jahren die Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) ein integraler Bestandteil der Erste-Hilfe-Ausbildung. Obwohl für die Erlangung eines KFZ-Führerscheins ein Erste-Hilfe-Kurs nachgewiesen werden muß und damit grundlegende Kenntnisse zur HLW erworben werden, liegen dennoch die Ersthelferreanimationen nur bei 5-20%. Als Gründe für die geringe Hilfsbereitschaft werden die unzureichenden Kenntnisse in HLW und die zu geringe Teilnahme an Auffrischkursen genannt. Spezielle Kursangebote der Hilfsorganisationen wie z.B. Kurse zur HLW von 6 Stunden Dauer fanden nur geringe Akzeptanz. Daher war unser Ziel, ein neues Kurskonzept zu entwickeln, das bei kurzer Kursdauer hohe Akzeptanz findet und gleichzeitig die wichtigsten Maßnahmen des Basic Life Support (BLS) vermitteln sollte.

Methode

In Anlehnung an Kurskonzepte in den USA (Medic II, Seattle) sowie den Empfehlungen einer Arbeitsgruppe des 2. Europäischen Kongresses für Reanimation und Prähospitale Notfallmedizin 1993 in Gent wurde ein neues Kurskonzept mit einer Kursdauer von 2,5 Stunden entwickelt. Die Teilnehmerzahl ist auf 10 beschränkt. Inhalt des Kurses sind das Absetzen eines Notrufes, das Erkennen eines Herz-Kreislauf-Stillstandes, die Maßnahmen der HLW und die stabile Seitenlage. Dabei entsprechen die Algorithmen weitgehend den Richtlinien des European Resuscitation Council (ERC). Abweichend von diesen Richtlinien wurde die Pulskontrolle zur Festlegung des Kreislaufstillstandes auf Grund von neueren Untersuchungen zur Sensibilität und Spezifität der Pulskontrolle herausgenommen (1). Der Schwerpunkt des Kurses wurde auf die Praxis gelegt und die Vermittlung des theoretischen Wissens auf ein Minimum reduziert. Dazu standen jeweils zwei Kursteilnehmer einer Übungsgruppe (Little Anne, Fa. Laerdal) zur Verfügung. Am Ende des Lehrgangs wurden die Teilnehmer und der Kursleiter mittels eines Fragenbogens zur Beurteilung des Kurses gebeten.

Ergebnisse

Seit Juli 1996 wurden in einer Pilotphase in unterschiedlichen Gebieten in Rheinland-Pfalz fünf Kurse vom Deutschen Roten Kreuz mit insgesamt 35 Teilnehmern nach diesem Konzept angeboten. Sie wurden frei über regionale Medien beworben. Kein Kurs mußte wegen zu geringer Teilnehmerzahl abgesagt werden. Die durchschnittliche Kursdauer betrug 146 min.

In der Befragung der Kursteilnehmer wurden von allen die Dauer des Kurses und die Möglichkeit zum praktischen Üben als "genau richtig” angesehen. Der Aufbau des Kurses und die Präsentation durch den Kursleiter wurden von 26 Teilnehmern mit "sehr gut”, von 7 Teilnehmern mit "gut” bewertet (Durchschnittsnote 1,2). Alle Teilnehmer glaubten am Ende des Kurses bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand Erste-Hilfe leisten zu können, und bis auf einen Teilnehmer erklärten sich alle bereit, den Kurs in 1-2 Jahren zur Auffrischung nochmals zu besuchen.

Auch die Kursleiter bewerteten die Kursdauer für die Übermittlung der Kursinhalte als genau richtig. Sie gaben am Ende des Kurses an, daß die Basismaßnahmen der HLW von den Teilnehmern "gut” bis "sehr gut” beherrscht wurden. Nur selten wurde zusätzliches theoretisches Hintergrundwissen von den Teilnehmern gewünscht.

Diskussion

Das Konzept eines nur kurzen, aber sehr praxisorientierten Kurses zur Ausbildung in Basismaßnahmen der Ersten Hilfe und zur Auffrischung der Kenntnisse von Laienhelfern hat sich in der ersten Pilotphase bewährt. Die Kurse werden von den Teilnehmern als sehr positiv bewertet, und die erklärte Bereitschaft zu Wiederholungskursen ist extrem hoch. Insgesamt erscheint dieses Kurskonzept als ein neuer Ansatzpunkt zur Verbesserung der Akzeptanz und Motivation der Bevölkerung, an einer Ausbildung in den Maßnahmen des BLS teilzunehmen. Aus diesen Gründen sollte dieses Konzept weiter verfolgt und in zusätzlichen Untersuchungen weiter überprüft werden.

Anschrift

Dr. S. Otto
Klinik für Anaesthesiologie
Universität Mainz
Langenbeckstr. 1
D-55131 Mainz

Prof. Dr. W. F. Dick
Klinik für Anästhesiologie
Johannes Gutenberg-Universität
Langenbeckstr. 1
D-55131 Mainz

Literatur
1. Eberle B, Dick WF, Schneider T, Wisser G, Doetsch S, Tzanova I: Checking the carotid pulse check: Diagnostic accuracy of first Responders in patients with and without a puls. Resuscitation (in press)


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