![]() |
2. Ausgabe 1996 |
Wärme und Feuchtigkeitstauscher in der Atemluft als Alternative zu konventionellen Anfeuchtungssystemen. Empfehlungen für die Praxis
J. Rathgeber
Ziel der Atemgasklimatisierung bei intubierten Patienten ist die Erhaltung bzw. Wiederherstellung physiologischer Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnisse in den Atemwegen. Ebenso wie die Beatmung mit trockenen Atemgasen schädigt auch die Destillation von Wasser durch übersättigte Atemgase die mukoziliäre Clearancefunktion und steigert die Inzidenz pulmonaler Komplikationen. Von physiologischer Atemgasklimatisierung kann immer dann ausgegangen werden, wenn der pulmonale Wasserverlust 7 mg H2O/L Atemluft nicht überschreitet.
Aktive Systeme zur Atemgasklimatisierung, Heated Humidifier (HH), die der Inspirationsluft angewärmte Feuchtigkeit aus externen Reservoirs zusetzen, sind seit Jahren in der Intensivmedizin bewährt. HH bedürfen jedoch einer sorgfältigen und der Körpertemperatur des Patienten angepaßte Temperatureinstellung, um pulmonale Wasserverluste zu vermeiden. Bei normo- und hyperthermen Patienten kann mit den meisten HH selbst bei maximaler Einstellung der Inspirationsluft keine Feuchtigkeit im Überschuß zugesetzt werden; dies ist nur bei hypothermen Patienten möglich. Aus thermodynamischer Sicht ist die Erhöhung der Atemgastemperatur über 37°C wenig effektiv, da der energetische Gewinn im Rahmen der Gesamt-Energiebilanz vernachlässigbar ist. Gleichzeitig erhöht sich jedoch das Risiko von Hitzeschäden in der Trachea (hot pot tracheitis), zumal die Temperaturmessung und damit die Temperaturüberwachung in wasserdampfgesättigten Gasen mit hohen Flußgeschwindigkeiten ungenau und fehlerbehaftet sind. Die Wiedererwärmung hypothermer Patienten allein durch atemgasklimatisierende Maßnahmen ist somit nicht möglich. Ebensowenig können perioperative Wärmeverluste durch Befeuchtung und Erwärmung der Narkosegase wirkungsvoll reduziert werden. Der theoretisch mögliche pulmonale Wärmeeintrag ist vernachlässigbar klein gegenüber den Energieverlusten durch Abstrahlung von der Körperoberfläche sowie durch Verdunstung, z.B. durch Hautdesinfektion und Eröffnung von Körperhöhlen. Sie können - insbesondere bei großen und langdauernden operativen Eingriffen - zu Wärmeverlusten von mehreren Hundert kcal führen, die durch pulmonale Energiezufuhr allein nicht kompensiert werden können.
Aufgrund der Nachteile von HH - hohe Anschaffungs- und Betriebskosten, Möglichkeiten der Fehlbedienung, Gerätefehlfunktion, Risiken der Kontamination und Keimübertragung - werden alternativ zunehmend Wärme- und Feuchtigkeitstauscher (Heat and Moisture Exchanger, HME) verwendet, deren Prinzip dem der Nase ähnlich ist: Tubusnah im Gasstrom positioniert, speichern sie Wärme und Feuchtigkeit aus der Exspirationsluft und geben sie der Inspirationsluft wieder zu. Qualitätskriterium für die Anfeuchtungs- und Anwärmungsleistung von HME ist demnach ihre reversible Wasserspeicherkapazität, die durch hygroskopische Materialien erheblich gesteigert werden kann. Zielparameter ist der exspiratorische (=pulmonale) Wasserverlust, der den physiologischen Verhältnissen bei Nasenatmung entsprechend 7 mgH2O/L nicht überschreiten sollte. Falls keine Verdünnungseffekte wie z.B. durch continuous-flow-CPAP oder flow-by vorliegen, kann der pulmonale Wasserverlust leicht in der Abluft des Intensivpflege-Respirators bestimmt werden. HME sind bereits nach wenigen Atemzügen im Feuchtigkeits- und Wärmegleichgewicht mit dem Patienten, unabhängig von dessen Körpertemperatur.
Bei bestimmungsgemäßem Einsatz erzeugen optimierte HME Druckabfälle von weniger als 2 mbar bei Gasflüssen von 60 L/min; sie sind damit nur geringfügig höher als die Druckabfälle, die durch moderne HH bewirkt werden.
Ebenso wie durch Atemgasfilter kann die Keimübertragung aus
dem Schlauchsystem in den Patienten oder umgekehrt durch
zusätzliche Filtermaterialien (HMEF) wirksam vermindert werden.
Anwendungshinweise
HME müssen immer im Atemstrom des Patienten angebracht werden, so daß sie bidirektional, also in- und exspiratorisch, durchströmt werden. Wegen der begrenzten Wasserspeicherkapazität nimmt die Leistungsfähigkeit mit steigendem Tidalvolumen ab. Hohe Gasflüsse vermindern die Kontaktzeit und können die Feuchtigkeitsaufnahme reduzieren. HME dürfen nicht gleichzeitig mit aktiven Befeuchtungssystemen oder Medikamentenverneblern betrieben werden: Abgesehen von der Verminderung der Funktionsfähigkeit durch Abspülen der aufgetragenen hygroskopischen Substanzen können insbesondere Medikamentenaerosole zu einer gefährlichen Erhöhung der in- und exspiratorischen Atemwegswiderstände führen. Vorsicht ist auch geboten bei Patienten mit erhöhter Sekretproduktion, Lungentrauma mit Blutung, Lungenödem oder dergleichen: Hierdurch kann es zu partieller Verlegung des HME mit zunehmender Erhöhung der Atemwegswiderstände kommen.
Das Innenvolumen von HME sollte möglichst gering sein, da es den effektiven Totraum erhöht. Kinder sollten daher nur mit speziellen HME mit kleinem Innenvolumen beatmet werden. Die Kombination von HME und sog. "Gänsegurgel" führt zur weiteren Zunahme des Totraums und muß daher - insbesondere bei Spontanatmung - kritisch gesehen werden. Ist sie dennoch als Zugentlastung erforderlich, so gehört der HME immer direkt auf den Tubus, die Gänsegurgel dahinter. Andernfalls wird die Befeuchtungsleistung des HME durch Kondensation von Wasser in der Gänsegurgel verringert.
HME mit CaCl2-Beschichtung sind HME mit anderen hygroskopischen Beschichtungen - insbesondere mit LiCl - vorzuziehen. Lithium ist eine potentiell toxische Substanz, die durch unbeabsichtigtes Abspülen via bronchopulmonaler Resorption aufgenommen werden kann. Dadurch kann eine Gefährdung, besonders von Kindern und Säuglingen mit kleinem Verteilungsvolumen, nicht ausgeschlossen werden.
Bei Patienten mit sehr zähem Sekret, z.B. infolge der
pulmonalen Grunderkrankung oder nach langdauernder
Entwässerungstherapie, sind ggf. HH (Atemgastemperatur >
37°C!) vorzuziehen.
Schlußfolgerung
Leistungsfähige HME sind hinsichtlich der atemgasklimatisierenden Eigenschaften eine gute Alternative zu HH auch bei langzeitbeatmeten Patienten. Darüber hinaus werden pulmonale Wasser- und damit auch Energieverluste in Anästhesie und Intensivmedizin effektiv vermieden. Zahlreiche Untersuchungen der letzten Zeit haben jedoch gezeigt, daß nicht jeder als HME bezeichnete Tubusaufsatz auch tatsächlich zur effektiven Atemgasklimatisierung geeignet ist. Physiologische Atemgasklimatisierung, d.h. Begrenzung des pulmonalen Wasserverlusts auf weniger als 7 mgH2O/L Atemluft, wird nur von wenigen HME erreicht. HME mit zusätzlichen Filtermedien (HMEF) sind eine effektive Alternative zur Verwendung von Atemgasfiltern (sog. Absolutfilter) während der Narkosebeatmung und in der Intensivmedizin, wobei auch hier erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen den Produkten den unkritischen Einsatz verbieten.
Keywords
Intensivbehandlung, Beatmung, HME, Anwendung
Anschrift
Literatur
1. Cohen JL, Weinberg PF, Fein JA, Rowinski GS (1988)
Endotracheal tube occlusion associated with the use of heat and
moisture exchangers in the intensive care unit. Crit Care Med 16:
277-279
2. Déry R (1973) The evolution of heat and moisture in the respiratory tract during anaesthesia with a non-rebreathing system. Can Anaesth Soc J 20: 296-306
3. Ingelstedt S (1956) Studies of the conditioning of air in the respiratory tract. Acta oto-laryngologica 131: 1-81
4. Martin C, Papazian L, Perrin G, Bantz P, Gouin F (1992) Performance evaluation of three vaporizing humidifiers and two heat and moisture exchangers in patients with minute ventilation > 10 l/min. Chest 102: 1347-1350
5. Misset B, Escudier B, Rivara D, Leclercq B, Nitenberg G (1991) Heat and moisture exchanger vs heated humidifier during long-term mechanical ventilation. A prospective randomized study. Chest 100: 160-163
6. Rathgeber J, Henze D, Züchner K, Kettler D (1996) Atemgasklimatisierung mit leistungsfähigen HME (Heat and Moisture Exchanger) - eine effektive und kostengünstige Alternative zu aktiven Befeuchtern bei langzeitbeatmeten Patienten. Eine prospektive randomisierte klinische Studie. Anaesthesist 45: im Druck
7. Rathgeber J, Zielmann S, Kietzmann D, Züchner K, Warnecke G (1992) Sind Lithiumchlorid-beschichtete Heat and Moisture Exchanger ("Künstliche Nasen") eine Gefährdung für Patienten. Anaesthesist 41: 204-207
8. Rathgeber J, Züchner K, Kietzmann D, Weyland W (1995) Wärme- und Feuchtigkeitstauscher zur Klimatisierung der Inspirationsluft intubierter Patienten in der Intensivmedizin. Untersuchungen zur Befeuchtungsleistung von passiven Atemluftbefeuchtern unter klinischen Gesichtspunkten. Anaesthesist 44: 274-283
9. Rathgeber J, Kietzmann D, Mergeryan H, Züchner K, Hub R (1996) Heat and moisture exchanger with electrete filter prevent contamination of anaesthesia breathing systems. Eur J Anaesth 13: im Druck
10. Schiffmann H, Rathgeber J, Singer D, Harms K, Bolli A, Züchner K (1996) Real time measurement of inspiratory airway humidity in mechanically ventilated neonates and infants. Comparison of heat and moisture exchangers and heated humidifiers. Intens Care Med: im Druck
[Pabst Science Publishers] [JAI] [Inhalt] [Suchen] [Bestellen] [Impressum]
| PABST SCIENCE
PUBLISHERS Lengerich, Berlin, Düsseldorf, Leipzig, Riga, Scottsdale AZ (USA), Wien, Zagreb |