Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung 2. Ausgabe 1996


Datenverarbeitende Systeme in der Intensivmedizin - Wohin geht der Trend in der Bundesrepublik

B. Pollwein

Die Erfolge der Intensivmedizin, aber auch die Komplexität der Diagnostik und Therapie haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Zu diesem Erfolg tragen eine verbesserte Meßtechnik (Vitalparameter) und zahlreiche neue Untersuchungsmöglichkeiten bei. Dies führt jedoch auf der anderen Seite zu einem dramatischen Anstieg der Daten, die von einem Patienten  überblickt, integriert und bewertet werden müssen. Der Arzt wird geradezu von einer Datenflut  überschüttet, so daß es nicht immer leicht, gelegentlich sogar unmöglich ist, den  Überblick einerseits und die Kenntnis wichtiger Details andererseits zu behalten. Computer Workstations, integriert in ein Krankenhaus-Kommunikations-System, eröffnen die Möglichkeit, diese Datenflut zu beherrschen und zu  überblicken. Leider ist die Entwicklung dieser Patienten- Daten-Workstations, insbesondere was die dazu notwendige Software betrifft, bei weitem nicht abgeschlossen und geprägt von einer Fülle von Detailproblemen. Die dazu notwendige leistungsfähige Hardware, die Computer und die technische Kommunikation sind grundsätzlich verfügbar. Eine Multimediafähigkeit ist allerdings notwendig, um die verschiedensten Datenarten wie Zahlen, Graphiken, Texte, Bilder, Töne und dynamische Verläufe darstellen und verarbeiten und speichern zu können. Dies sind auch heute noch erhebliche Ansprüche an die Speicher und Verarbeitungskapazität, was sich entsprechend im Preis ausdrückt.

Funktionelle Struktur eines Patienten-Daten-Management-Systems (PDMS)

Datenaquisitionskomponente:

Sorgt für die kontinuierliche  Übernahme der online gemessenen Werte (Vitalparameter) von Geräten wie Patientenmonitor, Beatmungsgerät, Infusionspumpe etc. Da eine Norm wie MIB (medical interface bus) de facto noch fehlt, muß eine Vielzahl von Herstellerspezifischen Interfaces und Protokollen (Regeln zur Datenübertragung) durch geeignete Treiber (Software, die Protokolle behandelt) unterstützt werden. Besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf die Artefacterkennung zu legen.

Kommunikationskomponente:

Sie stellt die Verbindung zum Krankenhaus-Kommunikationssystem her. Befunde, Bilder und Untersuchungsergebnisse aller Art (klinische Chemie, Mikrobiologie, Radiologie etc.) werden  übertragen und die Verbindung zu der zentralen Patienten-Administration hergestellt.

Datenspeicher sorgt für die geordnete Ablage und Sicherung aller Patientendaten. Der Datenschutz, also der Schutz vor unberechtigtem Zugriff und der Manipulation, und die Datensicherheit, also der Schutz vor Datenverlust und Datenveränderung, müssen gewährleistet sein. Daneben sind medicolegale Aspekte zu beachten.

Benutzerschnittstelle:

Sie dient zur Interaktion Mensch Maschine und geeigneter Visualisierung der Daten. Für die Akzeptanz und damit Funktionsfähigkeit eines Systems von entscheidender Bedeutung. Heute in der Regel in Form eines graphikfähigen Farbbildschirms mit Maus und Tastatur ausgeführt. Zusätzliche Interaktionsmöglichkeiten wie Sprachausgabe und Spracherkennung sind im Kommen. Auch die Entwicklung von großen, aber flachen Bildschirmen ist hier hilfreich.

Inferenzkomponente:

Sie dient zur Bewertung, Integration und Aggregation aller Daten und führt  Überwachungsfunktionen aus. Hier ist also die Komponente angesiedelt, die den  Überblick und die Ordnung in die Datenflut bringt.

Archivkomponente:

Sie ermöglicht ein auf den aktuellen Patienten bezogenes Retrival von Befunden und Verläufen.

Patientendaten verarbeitende Systeme können im Zyklus Befunderhebung, Bewertung, Integration, Therapieentscheidung bzw. Therapiemodifikation, der immer wieder und in verschiedenen Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen, durchlaufen wird, hilfreich und sinnvoll sein. Sie stellen wahrscheinlich die einzige Möglichkeit dar, die Datenflut in der Intensivmedizin zu beherrschen. Die Entwicklung steht jedoch erst am Anfang. Die Schwelle zur Praxisreife wird soeben  überschritten.

Keywords
Intensivmedizin, Patienten-Daten-Management-System (PDMS), Strukturen

Anschrift

Dr. med. B. Pollwein
Institut für Anästhesiologie
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München
Marchionistr. 15
D-81366 München

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