Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung 2. Ausgabe 1996


Betreuung von Angehörigen auf einer traumatologischen Intensivstation

B. Boxberger

Die Angehörigenbetreuung liegt mir persönlich sehr am Herzen, nicht nur weil es ein Schwerpunkt meines Aufgabenbereiches als Stationskoordinatorin ist, sondern auch weil ich in all den Jahren erfahren und gelernt habe, wie bedeutungsvoll und notwendig diese Aufgabe ist, notwendig aus der Sicht der Angehörigen selbst, aus der Sicht des Pflegepersonals und der der  Ärzte.

Es ist kein wissenschaftliches Thema, bei dem man mit sachlichen Fakten, Studienergebnissen oder gar Meßwerten beeindrucken kann, es ist vielmehr ein persönliches und mit vielen Emotionen beladenes Thema, welches mit der fortschreitenden High-Tech-Medizin, dem Personalmangel und dem daraus resultierenden Zeitmangel immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Das Ziel meines Beitrages soll sein, Sie für die Bedürfnisse und Anliegen der Angehörigen zu sensibilisieren. Es sollen Möglichkeiten, Wege und Anregungen aufgezeigt werden, wie und in welcher Form - und auch in welchem Ausmaß man sich der Angehörigenbetreuung widmen kann.

Dazu gehört, daß ich Ihnen meinen Arbeitsplatz und auch meinen Aufgabenbereich vorstelle.

Arbeitsplatz: IPS mit 10-12 Betten auf je zwei Räume verteilt.  Ärzte, Pflegepersonal und Spitalgehilfen bilden ein Team von ca. 60 Mitarbeitern. Wir betreuen pro Jahr ca. 500 Pat., Pat. mit schwerem SHT, Wirbelsäulenverletzungen, Polytrauma und Patienten, die ausschließlich zur postoperativen  Überwachung zu uns kommen, und wir betreuen ca. 800 - 1000 Angehörige pro Jahr.

Auf dieser IPS arbeite ich seit 1988 als Stationskoordinatorin, mein Aufgabenbereich in dieser Funktion sieht aus wie folgt:

1. Pflegt den Kontakt mit den Angehörigen

2. Pflegt die Verbindung zwischen Pflegeteam,  Ärzten und Angehörigen

3. Erteilt Auskunft  über den Zustand des Patienten an Angehörige (geschieht immer nach Rücksprache mit den  Ärzten und dem Pflegepersonal)

4. Koordination der Gespräche zwischen Angehörigen und  Ärzten (Erst-, Verlaufs- und Abschlußgespräche)

5. Hilft den Angehörigen bei organisatorischen und administrativen Problemen

6. Organisiert Patientenverlegungen auf andere Abteilungen oder in andere Spitäler

7. Stellt die Verbindungsstelle dar zwischen Spitaladministration und den Angehörigen

8. Fordert Kostengutsprachen bei Versicherungen an

9. Einkauf und Kontrolle von Apotheken- und Verbrauchsmaterial

10. Führt die Patientenkartei und Leistungserfassungsstatistik

Jeder Mensch hat ein Empfinden für Menschenwürde, hat ein Selbstwertgefühl und ein Bedeutungsempfinden, verletzt man eines dieser Gefühle, so hat man bereits das Vertrauen dieses Menschen verloren. Einfühlsamer Umgang mit Angehörigen ist also sehr, sehr wichtig.

Einfühlsam sein mit Angehörigen heißt für mich z.B., sie liebenswürdig und höflich als künftige Bezugsperson und als Ansprechpartner auf der IPS in Empfang zu nehmen,

- sie in mein Büro zu bitten für ein Erstgespräch mit dem Arzt (hat immer erste Priorität für Angehörige)

- sie mit der Umgebung und den Gepflogenheiten auf unserer IPS vertraut zu machen

- ihnen das Gefühl zu vermitteln, daß sie nicht allein gelassen werden mit ihren Sorgen und Problemen

- Zeit haben für all die Fragen nach dem Gespräch mit dem Arzt, d.h.: In der ersten Aufregung sind die Angehörigen zwar sehr froh, kompetente Auskunft erhalten zu haben, jedoch haben sie von der Diagnose und dem Procedere nur einen Teil verstanden oder behalten. (Wir alle sind Opfer unseres Fachjargons.)

Einfühlsam sein heißt auch, den Angehörigen das Gefühl zu geben, daß man sich nicht nur um den Pat. kümnmern wird, sondern eben auch um sie selbst. Nicht selten erweisen sich Angehörige ebenfalls als Patienten, die, bedingt durch die Ausnahmesituation, in der sie sich befinden, mit Kreislaufschwäche, Kollapsneigung oder  Übelkeit reagieren.

Niemand mehr sollte die IPS betreten, ohne vorher informiert und vorbereitet worden zu sein, auf den Zustand und auch den Anblick des Pat. in seinem ganzen Umfeld.

Wer behutsam vorbereitet wird, auf das was ihn erwartet, wem erklärt wird, wozu all die Apparaturen dienen, wozu all die Schläuche, Kabel und Monitore dienen, der geht mit unserer Begleitung weitaus gefaßter an das Patientenbett. Die Angst und den Schrecken können wir zwar nicht nehmen, aber das was nach dem ersten Besuch bleibt, können wir auffangen, auffangen mit unserer Präsenz, mit einem tröstenden oder aufbauenden Gespräch, mit einer liebevollen Geste oder manchmal auch nur mit einem aufmunternden Augenzwinkern.

Im allgemeinen sind die Angehörigen hinsichtlich der Auskünfte am Telefon unterschiedlich anspruchsvoll, ihnen ist wichtig zu wissen, ob der Patient eine ruhige Nacht ohne Komplikationen verbracht hat, ob der Kreislauf stabil geblieben ist, ob die Beatmung weitergeführt werden muß, ob der Patient Fieber hat, oder ob z.B. der Hirndruck den Normbereich  überschritten hat.

Alle Fragen der Angehörigen werden von mir - sofern möglich - aufrichtig und gewissenhaft beantwortet. Natürlich kommen auch Fragen, die mich  überfordern, dann stelle ich das Gespräch direkt dem Arzt durch oder vereinbare während einer unserer Besuchszeiten ein Gespräch zwischen den Angehörigen und dem Arzt.

Bereits im ersten Gespräch weisen wir eindrücklich darauf hin, daß Ehrlichkeit von unserer Seite das erste Gebot der Stunde ist, daß wir  über alles informieren, ob die Nachrichten nun gut oder schlecht sein mögen.

Aufklärung und Information sind unerläßlich, ein Raum für diese Gespräche ist ebenfalls von großer Bedeutung, denn nichts ist schlimmer oder unangenehmer als diese flüchtigen Gespräche (meist stehenden Fußes) zwischen Tür und Angel auf dem Flur.

Ein ausführliches Gespräch hingegen - in Ruhe und ungestörter Atmosphäre geführt - ist weitaus effektvoller. Je besser ein Angehöriger aufgeklärt ist, desto mehr fühlt er sich selbst respektiert und auch akzeptiert, es entsteht ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis, und der Angehörige hat dann nicht nur das Gefühl, der Patient sei in guten Händen, sondern auch er selbst fühlt sich geborgen und gut aufgehoben.

Keywords
Intensivbehandlung, Angehörigenbetreuung

Anschrift

Barbara Boxberger
Stationskoordinatorin
Departement Chirurgie
Klinik für Unfallchirurgie
Rämistr. 100
CH-8091 Zürich

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