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2. Ausgabe 1996 |
Erfahrungen mit einem Datenmanagement-System in der Intensivmedizin in einem Groß-Krankenhaus
Th. Neugebauer, M. Hiesmayr, M. Mouhieddine, W. Haider
Einleitung
Das Wiener Allgemeine Krankenhaus (AKH) ist eine Zentralkrankenanstalt mit derzeit ca. 2200 Patientenbetten, darunter 157 Intensivbetten in 16 Intensivstationen. Es ist ein Krankenhaus der Stadt Wien und gleichzeitig Sitz von 25 Universitätskliniken der Universität Wien, was eine Symbiose von Patientenbehandlung, Forschung und Lehre bedingt.
Die Forschungsstelle für Intensivtherapie steht in enger
Zusammenarbeit mit der Intensivstation 13B2 für Herz-, Thorax-
und Gefäßchirurgie mit 8 Betten. In der herzchirurgischen
Intensivstation war bis 1988 ein, auf einer PDP 11 basierendes,
computerunterstütztes Patientendatenverwaltungssystem mit
händischer Eingabe in Betrieb. Im Jahr 1991 wurde statt dessen
ein auf PC-Netz-Technologie beruhendes kommerzielles System der
Firma 'human microprocessing' (hmp) mit der Bezeichnung
'ATLANTIS' implementiert; dieses war das erste
Patientendatenmanagement-System (PDM-System) mit
online-Datenübernahme von mehreren bettseitigen Geräten
(Monitor, Respirator, Pulsoxi- und Capnometer) im AKH. Nach
mehreren Entwicklungsschritten wurde dieses System im Rahmen der
Übersiedlung der herzchirurgischen Intensivstation in das
Gebäude des neuen AKHs im März 1994 durch dessen
Nachfolgesystem 'Chart+' der Firma 'Picis' ersetzt, was einen
Entwicklungssprung in punkto Funktionalität,
Anwenderfreundlichkeit und Betriebssicherheit mit sich brachte.
Dieses System ist seit nunmehr fast 2 Jahren ununterbrochen im
Einsatz, wobei dessen Funktionalität von seiten der Station
schrittweise erweitert genutzt und von seiten des Herstellers
regelmäßig verbessert worden ist.
Systembeschreibung
Das PC-Netz des PDM-Systems Chart+ ist ein durch einen
Brücken-PC mit Filterfunktion getrenntes Sub-Netz des
hausweiten, ursprünglich primär für wisssenschaftliche Zwecke
installierten Token-Ring-Netzes. Die acht bettseitigen Rechner
sind leistungsfähige Standard-PCs (486-50MHz- sowie
Pentium-90-Prozessoren, 16 MB RAM, 540 MB Festplatte). Als
Fileserver dient ebenfalls ein entsprechender Standard-PC
(486-Prozessor, 32 MB RAM, 500 MB- und 1 GB-Festplatte). Die
bettseitigen PCs sind mit 17-Zoll-Monitoren ausgerüstet und
werden mit einer Auflösung von 1024x768 Punkten betrieben.
Weiters sind sie jeweils mit einer intelligenten seriellen
8-fach-Schnittstellenkarte (8-Port-Digiboard) zur Kommunikation
mit bettseitigen Medizintechnik-Geräten (MT-Geräten) und mit
einer Trackball-Maus sowie einem Lichtstift zur Cursersteuerung
ausgestattet. Weitere in das System eingebundene Rechner sind ein
PC für die tägliche Vormittagsvisite, über den Picis
Chart+ die Daten des jeweiligen Patienten für die Besprechung
mittels eines entsprechenden Projektors auf eine Leinwand
projiziert, ein PC im Stationslabor zur online-Datenübernahme
der Blutgaswerte, ein PC am Schwesternstützpunkt zur Anbindung
des Stationsdruckers für den Ausdruck der täglichen
24-Stunden-Protokolle sowie ein PC zur Kommunikation mit dem
wissenschaftlichen Rechenzentrum, u.a. zur Übernahme der
Laborwerte aus dem Hauptlabor. Das Betriebssystem des Fileservers
ist 'MS Windows NT Server', das Betriebssystem der 8 bettseitigen
Rechner 'MS Windows NT Workstation'. Seit dem Wechsel von
'Windows for Workgroups' zu 'Windows NT' im Juni 1995 kann das
System, eine exakte Systemkonfiguration vorausgesetzt, als
absolut stabil bezeichnet werden. Die im PC-Bereich derzeit
führende MS Windows-Oberfläche bietet zudem den Vorteil, nicht
nur relativ gefällig und intuitiv leicht faßbar, sondern für
zahlreiche Anwender durch andere Programme bereits bekannt und
vertraut zu sein. Daduch war die Akzeptanz durch die Anwender
auch in einer manchmal etwas mühsamen Einführungsphase
weitgehend gegeben.
Die Anwenderschnittstelle an den Patientenbetten
Besondere Bedeutung wurde von seiten der Station der optimalen Positionierung der Geräte der Anwenderschnittstelle, das sind Bildschirm mit Lichtstift, Trackball-Maus und Tastatur, beigemessen, und zwar einerseits auf Grund einer gewissen räumlichen Enge, die trotz der Größe des Krankenhauses den Intensivstationen zu eigen ist, andererseits aus dem Bestreben, den für die Anwender des Systems ergonomisch günstigsten Platz zu finden. Aus diesen Überlegungen wurden diese Geräte jeweils seitlich hinter dem Kopfende des Patientenbetts unterhalb des Überwachungsmonitors in Arbeitshöhe plaziert und befinden sich somit direkt neben dem Haupttätigkeitsbereich des Pflegepersonals. Der Bildschirm erfüllt an dieser Position auch optimal seinen Zweck als integraler Bestandteil der bettseitigen medizinisch-technischen Informationsfläche. Diese besteht einerseits aus den verschiedenen Überwachungsgeräten zur Erfassung und Darstellung des aktuellen Patientenstatus, andererseits aus dem Bildschirm des PDM-Systems zur Darstellung des Verlaufes von Parametern unterschiedlicher MT-Geräte während der vergangenen Stunden. Dadurch lassen sich einerseits der aktuelle Status des Patienten und andererseits kurz- und mittelfristige Entwicklungen des Patientenzustandes verhältnismäßig leicht und schnell erfassen, ohne daß dabei durch technische Geräte der Blick auf den Patienten verstellt oder zu sehr von diesem abgelenkt würde. Die Rechner selbst befinden sich auf einem Wandboard hinter dem Kopfende des Patientenbettes unter einer Stellfläche für MT-Geräte und sind dadurch gegen verschüttete oder tropfende Flüssigkeiten geschützt. Da der Anwenderschnittstelle auch von seiten der Herstellerfirma Picis besondere Bedeutung beigemessen wird, zeigt unter anderem die Integration des Lichtstiftes in das System, wozu es lediglich einer entsprechenden Steckkarte bedarf. Dieser Lichtstift brachte eine enorme Vereinfachung der Curserführung mit sich, da mit ihm der Curser wie mit einem Kugelschreiber am Bildschirm bewegt und positioniert werden kann. Nicht nur wenig PC-versierte Anwender greifen in den allermeisten Fällen wesentlich lieber zum Lichtstift als zur ebenfalls zur Verfügung stehenden Trackball-Maus, obgleich sich diese zuvor durchaus großer Beliebtheit erfreute. Kommunikation mit bettseitigen Geräten: Einer der Gründe, die für uns kaufentscheidend für das System Picis Chart+ waren, ist die Möglichkeit, relativ schnell und einfach verschiedene MT-Geräte unterschiedlicher Hersteller in das System einzubinden. Dazu müssen diese Geräte über einfache serielle Schnittstellen-Kabel konnektiert werden und das Programm Chart+ muß für das jeweilige Gerät den zugehörigen Kommunikations-Treiber laden. Derzeit sind auf der Station 13B2 folgende Geräte an Picis angebunden:
- Überwachungsmonitor Horizon 2000 der Firma Mennen
- Respirator Evita der Firma Dräger
- Pulsoxi- und Capnometer Oscar der Firma Datex
Diese drei Geräte sind fix mit dem bettseitigen Rechner verbunden. Nur im Bedarfsfall werden eingesetzt:
- Cardiac Output Computer Explorer der Firma Baxter
- Continuous Cardiac Output Computer Vigilance der Firma Baxter
- Cardiac Output Computer Oximetrix der Firma Abbott
- Metabolic-Monitor Deltatrac der Firma Datex.
Die nur im Bedarfsfall eingesetzten Geräte werden mittels
farbcodierter Stecker nach einem bei jedem Bett angebrachten
Anschlußschema konnektiert, und Chart+ wird mit der
entsprechenden Konfiguration geladen. Die Kommunikation mit
Horizon, Evita, Explorer und Oximetrix erfolgt mittels von der
Firma Picis entwickelter Spezialtreiber. Für die anderen Geräte
kommt der sogenannte 'Universal-Treiber' zum Einsatz. Mit diesem
Treiber können Geräte, die bezüglich des
Kommunikationsprotokolls gewissen Konventionen genügen, durch
den Anwender einfach und schnell (im allgemeinen innerhalb einer
oder zweier Stunden) eingebunden werden. Gerade für eine
Universitätsklinik, die zum Beispiel für einen begrenzten
Zeitraum Leihgeräte von Neuentwicklungen für Testzwecke zur
Verfügung gestellt bekommt, ist es unseres Erachtens von
besonders großem Nutzen, zumindest einen Teil dieser MT-Geräte
kurzfristig und ohne Kosten in ein PDM-System einbinden zu
können.
Implementierungsphasen und Konfiguration
Die softwaremäßige Konfiguration des Systems Picis Chart+,
die sogenannte 'Customisation', für deren Durchführung ein
einfaches und leicht zu bedienendes Tool zur Verfügung steht,
wurde in Zusammenarbeit von technischem und medizinischem
Personal der Station durchgeführt und war mit einem zeitlichen
Aufwand von etwa einem Tag in einer ersten einsatzfähigen
Version erstellt. In einer mehrwöchigen Einführungsphase diente
das System lediglich der automati-schen Übernahme und
Präsentation der Vitalparameter der drei fix angeschlossenen
Geräte und erwies sich auch in dieser Phase als hilfreich für
das Pflegepersonal wie für die Ärzte, da das 1- oder
2-stündliche Eintragen sämtlicher Vitalparameter wegfiel und
stattdessen Trends dieser Parameter im 10-Minuten-Intervall zur
frühzeitigen Beurteilung von Entwicklungen zur Verfügung
standen. Die Möglichkeit, sowohl während instabiler Phasen des
Patienten das Speicherintervall bis zu einer Minute zu
verkürzen, als auch, z.B. im Fall einer Reanimation,
retrospektiv bis zu einer Stunde die 1-Minuten-Werte
übernehmen zu können, wurde bereits in dieser Phase
wiederholt genutzt. In einer zweiten Phase sind zusätzlich die
Kommunikation mit nur fallweise verwendeten Geräten realisiert,
das Blutgasanalyse-Gerät im Stationslabor eingebunden und die
Liste für Ereignisse und Kommentare implementiert worden. In
einer dritten Phase sind die automatische Übernahme der
Parameter des Hauptlabors bewerkstelligt und die
Medikamentenlisten erstellt worden. Auch das Blut- und
Flüssigkeitsmanagement ist in dieser Phase in die
routinemäßige Verwendung übernommen worden, nachdem sich
bei einer Probenutzung in der zweiten Phase die Notwendigkeit
einiger Anpassungen des Programms an die speziellen Anforderungen
der Station ergeben hatte. Parallel mit der schrittweise
erweiterten Nutzung des Systems auf der Station ist durch den
Hersteller eine regelmäßige Erweiterung und Verbesserung der
Funktionalität sowie die Korrektur einiger Fehler, die erst im
Rahmen eines umfassenden routinemäßigen Einsatzes zu Tage
getreten waren, erfolgt. Vom System übernommene
Funktionalitäten sind stets nach einer kurzen Testzeit von
einigen Tagen oder wenigen Wochen im handgeschriebenen
Krankenblatt weggelassen worden, so daß es derzeit bis auf
einige Bemerkungen zur Pflege praktisch unbeschrieben ist. In der
laufenden vierten Phase findet die Implementierung des
Pflegemoduls Picis 'CareManager' statt, des integrierten
Pflegeplanungs- und Pflegedokumentationssystems. Das diesem
zugrunde liegenden Datenbanksystem wird derzeit durch den
Hersteller, in erster Linie gemeinsam mit dem Pflegepersonal,
nach den Anforderungen der Station konfiguriert.
Anbindung des PDM-Systems an krankenhausweite EDV-Systeme
Die stationsübergreifenden EDV-Systeme des Wiener AKHs sind
einerseits ein Krankenhaus-Informations-System (KIS) des
Krankenhausbetreibers, welches auf einem DEC-Netz basiert und
dessen Funktionalität über die Administration
demographischer Patientendaten sowie der Laborwerte derzeit kaum
hinausgeht. Eine Anbindung anderer Rechner (z.B. von PCs) an
dieses System wurde bisher vom Betreiber aus
datenschutzrechtlichen Gründen abgelehnt, neuerdings scheint
aber ein diesbezügliches Umdenken im Gang zu sein. Andererseits
existiert das wissenschaftliche EDV-System des IMC (Institut für
Medizinische Computerwissenschaften) in Form von IBM
Großrechnern und des angeführten IBM-Token-Ring-Netzes, von dem
ein Teil als Sub-Netz durch Chart+ genutzt wird. Über
dieses hausweite Netz sind derzeit neben den Rechnern auf der
Station auch PCs der Abteilung im OP-Bereich, im
Abteilungsleiterbereich, in verschiedenen Arbeitsräumen sowie in
Dienstzimmern über insgesamt 6 Ebenen verbunden. Da sich
jedoch das IMC für den eigenen Bereich fast ausschließlich für
IBM entschieden hat, wird derzeit trotz der ansonsten erfreulich
guten Unterstützung von dieser Seite relativ wenig Support für
Produkte geboten, die nicht aus dem Hause IBM stammen, somit auch
für MS Windows. Die Überleitung der Laborwerte des
Hauptlabors in das Sub-Netz von Chart+ wurde jedenfalls
dankenswerterweise durch das IMC, und zwar über einen
OS/2-Rechner, realisiert.
Tagesausdrucke, Systembetreuung und Zusammenfassung
Da in der Einführungsphase von Chart+ die Konfigurierbarkeit der Ausdrucke den speziellen Anforderungen der Station nicht ausreichend entsprochen hatte, wurde in dieser Phase mit einer Eigenentwicklung eines Programmes begonnen, das die von Chart+ während der vergangenen 24 Stunden erfaßten Daten in sinnvoll komprimierter Form auf einem A4-Blatt pro Patient und Tag als Tabelle und als Graphik ausdruckt. Aufgrund der Weiterentwicklung des systemeigenen Druckprogramms wird jedoch derzeit ein Umstieg auf dieses erwogen, wobei auch eine kombinierte Variante diskutiert wird. Bemerkenswert ist jedoch allein die Möglichkeit der Integration einer derartigen Eigenentwicklung, einer der wesentlichen Vorteile eines offenen und flexiblen Systems auf PC-Basis. Auch eine weitere Eigenentwicklung, in Zusammenarbeit mit dem IMC, ein Programm zur Optimierung der Entwöhnung künstlich beatmeter Patienten vom Respirator, nutzt diese Vorteile des offenen PC-Systems, indem es auf die aktuell von Chart+ erfaßten Daten zugreift und als regelbasierendes Expertensystem dem Arzt Vorschläge zur weiteren Vorgangsweise macht. Neben der Entwicklung derartiger Programme wird durch die Techniker der Forschungsstelle auch die Systemadministration durchgeführt, wobei der zeitliche Aufwand für eine 8-Betten-Station im Vollbetrieb im Mittel etwa einen Tag pro Woche beträgt, wenn auch in Phasen von Systemumstellungen oder der Implementierung einer neuer Version diese Tätigkeit für einige Tage das Ausmaß eines Full-time-Jobs annehmen kann. Für einen zufriedenstellenden Betrieb ist unseres Erachtens die Existenz einer das System mitbetreuenden Einrichtung im Krankenhaus vorteilhaft, sofern nicht eine Vertretung des Herstellers in einer entsprechenden geographischen Nähe besteht. Wir können somit auf zwei Jahre weitgehend zufriedenstellender Funktionalität des Systems Picis Chart+ zurückblicken und erwarten auch in Zukunft eine positive Weiterentwicklung.
Keywords
Intensivbehandlung, PDM-System, Dokumentation, Picis Chart+
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