![]() |
2. Ausgabe 1996 |
Moderne Beatmungskonzepte und ihre klinisch praktische Umsetzbarkeit
G. Lehrbach
Noch vor fünf Jahren wurden in einem anerkannten Intensivmedizin-Lehrbuch folgende Richtlinien zur Beatmungstherapie aufgeführt:
absolute Indikation zur Beatmung:
art. pO2 von 45 - 50 mmHg unter Raumluft
Durchführung der Beatmung:
volumenkontrolliert
AZV 15 - 20 ml/kgKg
Frequenz 10
Seufzer
Heute ist dieses Konzept doch weitgehend verlassen worden, weil aktuelle pathophysiologische Aspekte, aber auch die Erweiterung der beatmungstechnischen Möglichkeiten durch die neuesten Beatmungsgeräte erhebliche Modifikationen in der Beatmungstherapie verursachten, die auch eindrucksvoll die Kurzlebigkeit intensivmedizinischen Wissens unterstreichen.
1. Indikation zur Beatmungstherapie
1.1 Modernes Konzept
Eine absolute Indikation zur Beatmung, festgemacht an bestimmten
objektivierbaren Parametern, wird nicht mehr definiert;
entscheidend ist der klinische Befund, wobei man bestrebt sein
sollte, zumindest die klassische kontrollierte Beatmung,
möglichst sogar die Intubation, zu vermeiden.
Dazu dienen eine Reihe von Atemhilfen (CPAP, Pressure Support,
BIPAP), die nicht alle unbedingt die Intubation voraussetzen,
schrittweise aber bis zur echten kontrollierten Beatmung
ausgebaut werden können. Dabei ist auch zu unterscheiden, ob nur
ein ventilatorisches Versagen (Pumpversagen), ein
Parenchymversagen der Lunge oder die Kombination aus beidem
vorliegt, da die Therapieansätze unterschiedlich sind.
Unstrittig ist es eine größere ärztliche und auch
pflegerische Leistung, bei einem Patienten die Intubation
vermeiden zu können, als einen sedierten oder gar relaxierten
Patienten zu beatmen.
1.2 Klinisch praktische Umsetzung
Der Versuch, die Intubation und Beatmung möglichst zu umgehen,
setzt eine kompetente Rund um die Uhr-Betreuung der Patienten
voraus: Ein intensivmedizinisch erfahrener Arzt muß ständig auf
der Station anwesend sein, um jederzeit doch die Indikation zur
Intubation und Beatmung stellen und diese auch durchführen zu
können. Eine ärztliche Betreuung der Intensivstation im
Schichtdienst ist unverzichtbar; eine Betreuung im
Bereitschaftsdienst oder vom Op. aus (z.B. als diensthabender
Anästhesist) ist für solch ein Konzept nicht möglich. Groß
ist auch der Anspruch an das Pflegepersonal, da neben dem Einsatz
aller physikalischen und physiotherapeutischen Maßnahmen vor
allem der Krankenbeobachtung eine entscheidende Rolle zukommt:
Eine evtl. Überforderung der Patienten muß
vermieden werden. Immer ist der Nutzen einer Beatmungstherapie
sehr sorgfältig gegen die Risiken (allzulange glaubten vor allem
Anästhesisten, eine Beatmungstherapie sei weitgehend risikolos)
abzuwägen und dementsprechend streng die Indikation zu stellen.
Sollte eine Beatmung vermieden werden können, wird aber oft dem
erhöhten ärztlichen und pflegerischen Aufwand kaum
Rechnung getragen, und Beatmungsstunden, die so gerne zum
Leistungsnachweis einer Intensivstation herangezogen werden,
schlagen auch nicht zu Buche.
2. Wahl der Beatmungsform
2.1 Modernes Konzept
Zunehmend rücken in den letzten Jahren drei entscheidende
Aspekte in den Vordergrund:
a) die Bevorzugung sogenannter druckorientierter
Beatmungsverfahren wie pressure controled ventilation (PCV),
BIPAP, druckbegrenzte oder druckregulierte Beatmung oder die
Verfahren mit Druckunterstützung (ASB, PS), wobei die klassische
volumen-kontrollierte Beatmung immer mehr in den Hintergrund
tritt
b) weitgehender Erhalt der Spontanatemfähigkeit, ermöglicht durch die Anwendung sog. augmentierender Beatmungsformen (Verfahren mit partieller Atemunterstützung) wie SIMV, MMV, BIPAP, ASB (DU, PS), bei denen der Respirator zwar weitgehend die Atemarbeit übernimmt, der Patient sonst aber spontan atmet
c) konsequente Beachtung einer unterstützenden Lagerungstherapie (kinetische Therapie, Beatmung in Bauchlage) mit der Regel: "krank nach oben"
2.2 Klinisch praktische Umsetzung
zu a) Alle druckorientierten Beatmungsverfahren generieren einen
decelerierenden Flow. Die obere Druckgrenze sollte 30 mbar nicht
überschreiten.
Unter einer solchen Beatmungsform ist das Atemminutenvolumen
nicht mehr konstant einstellbar, sondern ändert sich,
complianceabhängig, sehr häufig (z.B. nach Lagewechsel,
Sedierung, Absaugmanöver, ausschwemmender Therapie,
Thoraxdrainagen etc.). Dies muß zu einer anderen
Alarmphilosophie führen, da nicht mehr das Atemminutenvolumen in
sehr engen Grenzen monitiert werden kann, ohne daß es ständig
Alarm gibt.
zu b) Um weitgehend die Spontanatemfähigkeit erhalten zu können, muß entsprechend auch das Analgosedierungsschema angepaßt werden; eine Relaxation verbietet sich natürlich; eine gute Kooperation zwischen ärztlichem und pflegerischem Personal ist unumgänglich.
zu c) Gerade dabei sind die tatkräftige Unterstützung und Mitarbeit, manchmal sogar die Phantasie der Pflegenden stark gefragt.
3. Entwöhnung
3.1 Modernes Konzept
Die Entwöhnung beginnt mit der Intubation. Diesem schon recht
alten Satz wird dadurch Rechnung getragen, daß
überwiegend mit erhaltener Spontanatemfähigkeit beatmet
wird, ein Abtrainieren von einer echten kontrollierten Beatmung
also relativ selten ist. Trotzdem ist auch heute das Weaning noch
mehr eine Kunst als eine Wissenschaft für die es wenig Regeln
gibt. Möglicherweise müssen auch bei verschiedenen
Patientengruppen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz kommen:
Die klassischen augmentierenden Verfahren (SIMV, ASB, BIPAP) sind
beim Weaning von COPD-Patienten manchmal dem z.B. 12-stündlichen
Wechsel von kontrollierter Beatmung und reine Spontanatmung
unterlegen.
Die CPAP-Atmung über Tubus ist heute weitgehend verlassen;
im Spontanatemmode sollte immer ein Druckunterstützungsniveau
von etwa 6-8 mbar dazugegeben werden, um den erhöhten
Atemwegswiderstand des Tubus zu kompensieren. Von diesem Niveau
aus kann in der Regel problemlos extubiert werden.
3.2 Klinisch praktische Umsetzung
Die Entwöhnung ist ein ständiger Drahtseilakt zwischen den
Aspekten Training und Erholung der Atemmuskulatur. Leider stehen
uns zur Zeit kaum objektivierbare Parameter im klinischen Alltag
zur Verfügung, die uns in dieser Frage eine Entscheidungshilfe
geben können. Erschwert wird das Weaning dann meist auch noch
durch ein beginnendes Durchgangssyndrom bei reduzierter
Analgosedierung. Somit ist auf dem Gebiet der Entwöhnung am
wenigsten ein einheitliches modernes Konzept klinisch-praktisch
umsetzbar. Hier hat jede Station ihre eigenen guten und
schlechten Erfahrungen mit dieser oder jener Methode.
4. Monitoring
Sowohl im geräte- als auch dem patientenseitigen Monitoring
hat sich in den letzten Jahren für die klinische Praxis nicht
sonderlich viel geändert:
- Die Messung der FRC (funktionelle Residualkapazität), der
Atemarbeit oder des Sauerstoffverbrauchs wären zwar sehr
nützlich, sind aber für den klinischen Alltag noch nicht
überall verfügbar.
- Die Registrierung von Druck-Volumen-Schleifen oder der
sophagusdruckkurve sowie die Messung von intrinsic-PEEP oder P
0,1 (Okklusionsdruck) sind zwar relativ leicht möglich, deren
Umsetzung in direkte therapeutische Konsequenzen aber noch nicht
ausreichend klar.
5. Zukünftige Entwicklungen
Gespannt sein darf man auf die Entwicklungen der nächsten Jahre: Ob sich der Einsatz extracorporaler Verfahren aus den Spezialzentren heraus auch in andere Kliniken ausweiten, ob sich die inhalative Therapie (NO, Prostazyklin) oder sogar die (partial) fluid ventilation mit Perfluorcarbonen durchsetzen wird, oder ob wir die Hoffnung auf neuere Beatmungsverfahren (proportional assist ventilation, adaptive lung ventilation) werden richten können, wird allein die Zukunft zeigen.
Keywords
Beatmung, Beatmungskonzepte, Beatmungsformen, Intubation,
Entwöhnung
Anschrift
[Pabst Science Publishers] [JAI] [Inhalt] [Suchen] [Bestellen] [Impressum]
| PABST SCIENCE
PUBLISHERS Lengerich, Berlin, Düsseldorf, Leipzig, Riga, Scottsdale AZ (USA), Wien, Zagreb |