Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung 2. Ausgabe 1996


Score-Systeme und Outcome-Vorhersage in der Intensivmedizin - Illusionen und Fakten

P. Lehmkuhl

Score-Systeme in der Intensivmedizin werden für unterschiedliche Anwendungsbereiche empfohlen.
Sie dienen zur objektiven Erfassung der Krankheitsschwere und können somit Patientenkollektive auf verschiedenen Intensivstationen unter unterschiedlichen Therapieschemata oder in getrennten Zeiträumen miteinander vergleichen helfen. Bei Maßnahmen zur Qualitätssicherung und bei Abschätzung des  ökonomischen Aufwandes ist dies sinnvoll. Auch in klinischen Studien kann der Vergleich von Patienten gleicher Krankheitsschwere zur Testung des Erfolgs verschiedener therapeutischer Maßnahmen herangezogen werden. Bei der Information des Patienten oder seiner Angehörigen kann ebenfalls ein objektiver Maßstab für die Schwere des Krankheitsbildes hilfreich sein.
Bevorzugte Score-Systeme sind bei der allgemeinen Beurteilung der Krankheitsschwere MPM, APACHE II und III und der MOF-Score. Bei der Risikobeurteilung für bestimmte Krankheitszustände sind z.B. der Sepsis-Score und der ARDS-Score zu nennen.

Outcome-Vorhersage durch Score-Systeme

Die Krankheitsschwere wird durch das Risiko des Patienten zu versterben definiert. Somit kann die Score-Bestimmung auch zur Out-come-Vorhersage eingesetzt werden.
Hierbei sollen Score-Systeme die Mortalität im Krankenhaus, auf der Intensivstation oder innerhalb eines definierten Zeitraumes vorhersagen. Jedoch sind auch andere Outcome-Parameter denkbar. Der Eintritt eines unerwünschten Ereignisses oder einer bestimmten Erkrankung oder auch die Lebensqualität. Auch Kosten oder Effektivität einer Behandlung sollten durch Score-Systeme prognostiziert werden können.
APACHE II und III sind eingesetzt worden, um das individuelle Risiko eines Patienten zu ermitteln und seine Prognose vorherzusagen. Mit MPM sind ebenfalls Versuche unternommen worden, den individuellen Verlauf zu erfassen und zu prognostizieren.
Chang erfaßt täglich die APACHE II-Punktesumme und verwendet ihre Veränderungen zur Vorhersage der individuellen Mortalität.
 Ähnliches hat Lemeshow mit MPM vorgestellt. Rowan hat für diesen Zweck MPM und APACHE II miteinander verglichen und ebenso wie Chang eine hohe Trefferquote gefunden. Zimmermann setzt APACHE III zur Unterstützung therapeutischer Entscheidung ein und stellt fest, daß genaue, objektive Vorhersagen für die Notwendigkeit von invasiven Therapiemaßnahmen möglich sind. Auch Wagner und Knau sehen eine hohe    Übereinstimmung von vorhergesagter individueller Prognose und beobachteter Mortalität bei der Verwendung von APACHE III.
Goris demonstriert die Fähigkeit des ARDS-Score, die individuelle Entwicklung eines ARDS nach Trauma vorherzusagen, Grundmann sieht eine hohe  Übereinstimmung der durch den Sepsis-Score vorhergesagten Entwicklung einer Sepsis und dem tatsächlichen Eintreten dieser Komplikation.

Fakten

APACHE II und III, MPM oder SAPS sind jedoch mit einer Rate von 74 - 79 % korrekter Klassifikation nur für die Abschätzung der Sterbewahrscheinlichkeit definierter Intensivpatientengruppen hinreichend genau. Für einige Patientengruppen (Intoxikationen, nach Herz-Kreislaufstillstand) sind sie ungeeignet. Länderspezifische Eigenarten lassen eine weltweite Anwendung der Score-Systeme ohne entsprechende Validierung unmöglich erscheinen. Fery-Lemonnier und Mitarbeiter haben die Probleme durch ungenaue Definitionen bei    Übersetzung und Konversionen der Parameter bei APACHE II, SAPS und MOF-Score aufgezeigt. Rowan zeigt, daß APACHE II eine genauere Erfassung des Outcome ermöglicht als MPM - allerdings für britische und irische Intensivstationen. Rogers stellt für kanadische Intensivstationen fest, daß der APACHE II-Score die individuelle Prognose nicht ausreichend korrekt vorhersagt.
Eine Sensitivität von ca. 70 % und eine Spezifität von 90 %, wie sie bei den allgemeinen Score-Systemen erhoben werden können, eignen sich keinesfalls für die individuelle Prognosestellung mit folgender therapeutischer Konsequenz.
Daher ist die Outcome-Vorhersage mittels Score-Systeme nur zur Beschreibung von Patientengruppen bei Studien, bei qualitätssichernden Maßnahmen und zur Voraussage in großen Populationen von Intensivpatienten mit gemischtem Krankheitsspektrum geeignet.

Keines der bestehenden Score-Systeme sollte für eine Triage eingesetzt werden. Bei Entscheidungen zum Behandlungsverzicht oder -entzug sind bei Aufnahme erhobene Scores nicht hilfreich; täglich erhobene dynamische Score-Anwendungen könnten eine Ergänzung des klinischen Bildes darstellen.
Score-Systeme, die eine Vorhersage der Lebensqualität ermöglichen, wären wünschenswert, sind im Augenblick jedoch nicht entwickelt. Hier wäre eine zukünftige Weiterentwicklung von Score-Systemen anzustreben.

Keywords
Score-Systeme, Outcome-Vorhersage, Risikobeurteilung

Anschrift

Prof. Dr. med. P. Lehmkuhl
Zentrum Anästhesiologie
Abt. IV
Med. Hochschule Hannover
IM KH Oststadt
Podbielskistr. 380
D-30659 Hannover

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