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2. Ausgabe 1996 |
Beatmung in Bauchlage - Einstellungswandel zur Bedeutung der Lagerung
R. Lange, F. Heinen, S. Ramm
Pflege und Lagerung gehören zusammen. Wenn Pflege als ihre Aufgabe versteht, die Selbstpflegedefizite des Patienten zu behandeln, so kommt in der Intensivpflege der Lagerung, Umlagerung und Mobilisation des in seiner Mobilität immer eingeschränkten Intensivpflegepatienten ein enormer Stellenwert zu.
Nun ist das Verständnis von Pflege im Wandel. Und vielleicht wird dies auch in der Einstellung zur Lagerung und deren Umsetzung deutlich. So wie Pflege und Lagerung u.E. zusammengehören, so galt Pflege und Dekubitus(prophylaxe) immer schon als ein festes zusammengehöriges Begriffspaar.
Ein Dekubitus wurde als Pflegefehler gewertet und durchaus auch von Pflegekräften so empfunden. Die entscheidende Maßnahme zur Prophylaxe ist die Druckentlastung, erreichbar durch Lagerungen (Weich-; Hohl-; Frei-; Um-; etc.) und als deren Extremform die Mobilisation. Leider führten die Entwicklungen in der Medizin, der Technik und dem arztorientierten Pflegeverständnis dazu, daß die Bedeutung der Lagerung auch von seiten der Pflege auf die Dekubitusprophylaxe reduziert wurde. Alle anderen Auswirkungen von Lagerungen auf den Patienten wurden nicht mehr ausreichend wahrgenommen.
In der Intensivpflege in den 70er und zu Beginn der 80er Jahre
wurde teilweise sogar die Notwendigkeit von Lagerung negiert. Die
Ablehnung wurde durch Anekdoten begründet oder durch das
Pflegeverständnis und das dazugehörige Menschenbild, das in der
Regel kumulierte:
"Auf der Intensivstation werden Leben gerettet, da kann
keine Rücksicht auf den Menschen genommen werden. Wenn das Leben
gerettet ist, kann man sich auf der Normalstation um den
Dekubitus, die Kontrakturen und die Psyche kümmern."
Der Glaube an die Machbarkeit und heilende Kraft der Technik war
ungebrochen, und wenn überhaupt Lagerung, dann automatisch
mit einer Maschine. Zu der Zeit war mit
"low-tech-Therapien" kein Staat zu machen.
Änderungen in therapeutischen Konzepten sind u.a. bedingt
durch Zufälle, erweiterte Diagnosemöglichkeiten, gezielte
Forschung oder Nachdenken und Umdenken.
Schon 1974 wurde die intermittierende Bauchlage bei beatmeten
Patienten das erste Mal angeregt, ohne daß diese Maßnahme sich
jedoch in der Praxis durchsetzte. Seit Ende der 80er Jahre werden
vermehrt Studienergebnisse zur Bauchlage veröffentlicht,
anscheinend bedingt durch die Möglichkeiten des CT, da jetzt die
Gründe für die guten Ergebnisse der Bauchlage visualisiert
werden und nachvollziehbar sind. Gleichzeitig dazu gibt es
allerdings auch eine Rückbesinnung der Pflege und evtl. auch der
Medizin auf den Menschen. Damit bekommen wir eine andere
Gewichtung und Bewertung der Therapien. Während manche noch der
Idee nachhängen, daß fast ausschließlich mit dem
"richtigen" Beatmungsgerät und der
"richtigen" Beatmungsform ARDS-PatientInnen erfolgreich
zu behandeln sind, legen andere mehr Wert auf ineinandergreifende
Therapiekonzepte, z.B. intermittierende Bauchlage, Atemtherapie,
differenzierte Beatmung etc. - Beziehungsarbeit.
Es steht mittlerweile außer Frage, daß die intermittierende
Bauchlage einen entscheidenden Beitrag zur erfolgreichen Therapie
bei ARDS-Patienten leistet. Diverse Studien belegen dies. Offen
bleiben noch die Zeitintervalle, die Indikationen, die
Kontraindikationen und sicherlich auch noch die
Vorhersagekriterien für "responder" oder
"non-responder".
Die Bauchlage ist z.Zt. mit Sicherheit en vogue, wobei es zu
früh wäre zu postulieren, daß sie zum Standard-Repertoire der
meisten Intensivpflegestationen (IPS) gehört. Aus eigenen
Erfahrungen können wir allerdings feststellen, daß in den
letzten 2 Jahren die Zahl der IPS, die beatmete PatientInnen auf
den Bauch lagern, stetig zugenommen hat und dies auch durchweg
positiv bewertet wird und weniger Probleme macht als angenommen.
Pflege ist in diesem Zusammenhang zuständig für die
Organisation dieser komplexen Pflegemaßnahme, deren praktische
Durchführung, der Überwachung und Betreuung der
PatientInnen. Weiterhin muß Pflege entscheiden, ob der Patient
auf dem Bauch liegen "kann", und mitentscheiden, ob er
auf dem Bauch liegen "soll".
Pflegediagnose: Störung des Gasaustausches
Pflegeziel: Verbesserung des Gasaustausches
Pflegemaßnahme: intermittierende Bauchlage
Zur Bauchlage gehören außer dem Umdrehen des Patienten, die
Sicherung der Katheter, Tuben etc. die Überwachung
während der Umlagerung, die Dekubitusprophylaxe im Abgleich mit
den Erfordernissen für eine effektive Beatmung, die
Kontrakturenprophylaxe, die Bequemlichkeit, die Sicherstellung
der notwendigen Pflegemaßnahmen während der Bauchlagephase, die
ausreichende Analgosedierung und die Einbindung der Bauchlage in
alle anderen therapeutischen, diagnostischen und pflegerischen
Maßnahmen.
Die Umsetzung dieser Pflegetätigkeiten wird in dem Referat u.a.
bearbeitet und zu einem Pflegekonzept zusammengeführt. Mit der
Erkenntnis, daß die 135-Grad-Lage ebenso effektiv wie die
Bauchlage ist, mit der Fähigkeit, beatmete Patienten nicht mit
5, sondern nur mit 2 Pflegekräften lagern zu können, und der
Erfahrung, daß in Bauchlage versehentliche Extubationen oder
Reanimationen nicht häufiger auftreten, hat sich dieses
Therapiekonzept mittlerweile weit verbreitet, und die Liste der
Gegenargumente schmilzt dahin. Nichtdestotrotz ist bei der
Bauchlage Wissen, Erfahrung, Planung und gute Zusammenarbeit
notwendig, um den Patienten davon profitieren zu lassen.
Keywords
Bauchlagerung, Bauchlagenbeatmung, Lagerung, Dekubitusprophylaxe
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