Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung 2. Ausgabe 1996


Einführung in das Konzept der Pflegediagnose - Ein Beitrag zur Steuerung pflegerischer Ablaufprozesse in der intensivmedizinischen Therapie

G. Bekel

Vorbemerkungen

Der Beitrag beschäftigt sich mit den grundlegenden konzeptuellen Strukturen von Pflegediagnosen. Folgende Bereiche werden dabei abgehandelt: Problemstellung, Begriffsbestimmung, Historische Entwicklung und Steuerung pflegerischer Abläufe.

Der Pflegeprozeß ist seit ca. 10 Jahren integraler Bestandteil der pflegerischen Ausbildung. In der Pflegepraxis hat sich das Konzept des Pflegeprozesses jedoch bislang nicht flächendeckend durchgesetzt. Häufig fehlen Instrumente oder Kategoriesysteme, um die Vielfalt pflegerelevanter Daten einer systematischen Sammlung und Analyse zuzuführen. Der Mangel an eindeutigen und logisch hergeleiteten Pflegeproblemen führt dann zum Selbstzweck der methodischen Erfüllung der Pflegeplanung.

Kommunikation und Dokumentation pflegerischer Daten reduzieren sich auf die individuelle Sprachkompetenz der Pflegeperson. Hierdurch kommt es zu großen inhaltlichen und zeitraubenden Kommunikationsstörungen. Ein Austausch und Vergleich von Pflegeprozeßdaten zur Beschreibung von Pflegeverläufen bleiben verwehrt.

Die Anforderungen aus dem Gesundheitsstrukturgesetz erfordern von der Pflege eine umfassende Systematisierung ihres Handlungsfeldes, so daß vergleichende Leistungsanalysen und optimale pflegerische Versorgung von Patienten vorgenommen werden können. Ebenso verlangt die hochtechnisierte Intensivtherapie der Pflege ein besonderes Maß an kommunikationsfähigen Leistungsparametern ab.

Die Formulierung allgemeiner Pflegediagnosen und der aus konzeptuellen Strukturen verschiedener Pflegemodelle abgeleitete diagnostische Prozeß sehen eine gemeinsame Verständigungsebene der Pflegenden vor.

Begriffsbestimmung

Pflegediagnosen beschreiben Entscheidungen bzgl. der Gesundheitszustände von Individuen, Familien oder kommunalen Gruppierungen. Zur Systematisierung der pflegerischen Einschätzung (assessment) und Diagnosestellung bedienen sich Pflegende unterschiedlicher Modelle und Kategoriesysteme.

Der Blickwinkel der Betrachtung entscheidet  über die Prioritäten modellhafter oder kategorialer Systematisierungen. Entscheidend ist nicht die Frage: Welches der gewählten Systeme oder Modelle wird am häufigsten verwendet, sondern: Welche Aussagefähigkeit hat das gewählte System oder Modell bzgl. der gesetzten Prioritäten im jeweiligen Pflegebereich.

Nach GULANICK (1990) bilden Pflegediagnosen die Summe von Beurteilungen, die eine erfahrene Pflegeperson während der Datensammlung und Einschätzung bei Patienten feststellt. Die Pflegediagnose bildet den Zusammenschnitt von Problem (P), Ursache (U) und Symptomen oder Anzeichen (S) (Cox, 1989, S.3; Doenges/Moorhouse, 1992, S.49).

Hiernach beschreibt P die Reaktion oder den gegenwärtigen Zustand (Problem) des Patienten, U beschreibt die Ursache oder den Grund der Reaktion bzw. des Zustandes (Problems), und S beschreibt die beobachtbaren oder geäußerten Anzeichen oder Symptome.

Durch Pflegediagnosen können individuelle Zustände von Patienten beschrieben werden. Sie können sich aus der jeweiligen Situation ergeben oder aus generellen Annahmen abgeleitet werden. Letzteres bedeutet, daß es durch Forschung gesicherte Pflegediagnosen bei verschiedenen Erkrankungen oder Pflegephänomenen gibt. Dieses hat den Vorteil, daß eine Pflegeperson in konkreten Praxissituationen auf generalisiertes Wissen zurückgreifen kann und die Verifikation identifizierter Pflegediagnosen an der realen Situation vornimmt. Der Unterschied der Pflegediagnose zur medizinischen Diagnose ergibt sich aus dem jeweiligen Prioritätsbereich, gleichwohl können in manchen Situationen  Ähnlichkeiten bestehen (Cox, 1989, S. 2). Diese ergeben sich aus der gleichen Datenerhebungsgrundlage oder durch  Überschneidung von Behandlungszielen.

Historische Entwicklung

Die Perspektive des diagnostischen Prozesses ist sehr eng mit der pflegetheoretischen Ausrichtung verknüpft (Baker Risner, 1990, S. 171). Die Begriffswahl und die jeweilige Fokussierung werden durch die Terminologie der Theorie, des Modells oder des Kategoriesystems beeinflußt.

Eine inhaltliche und formale Vergleichbarkeit bestimmter Pflegediagnosen sind durch die variierende Terminologisierung nicht oder nur sehr schwer möglich. Eine einheitliche Codierung komplexer Problemvariablen läßt sich nicht durchführen.

Die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung machte es in den USA erforderlich, daß die Vielzahl pflegerischer Probleme in ein einheitliches systematisiertes Sprachkonzept zusammengefaßt wurden.

Die erste entscheidende Konferenz zur Systematisierung von pflegerischen Problemen fand 1973 statt (Gordon, 1994). Die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe hatten eine Liste möglicher Pflegeprobleme zusammengestellt. Ebenso wurde die Verwendung des Begriffes "Pflegediagnosen" diskutiert. In verschiedenen theoretischen Konzeptformulierungen war dieser Begriff jedoch bereits aufgenommen und im Rahmen des Pflegeprozesses erklärt (z. B. King, Orem u.a.). Erstmals wurden an dieser Stelle jedoch inhaltliche Probleme aufgenommen.

Seither werden in regelmäßigen Konferenzen (alle 2 Jahre) die verschiedenen Pflegediagnosen von der NANDA (North American Nursing Diagnosis Association)  überprüft und ergänzt. Die derzeitige Liste umfaßt ca. 119 Pflegediagnosen.

Steuerung pflegerischer Ablaufprozesse durch Pflegediagnosen

Durch die Anwendung der standardisierten Pflegediagnosen der NANDA oder theoriegeleiteter Pflegediagnosen werden die pflegerischen Ablaufprozesse auf der Intensivstation in besonderer Weise strukturiert. Durch die Evaluation fallbezogener Pflegediagnosen werden die Pflegeprobleme inhaltlich für den jeweiligen Patienten strukturiert und kausal erklärt.

Die positiven Steuerungsaspekte werden besonders an der gemeinsam genutzten Sprache (innerdisziplinär und interdisziplinär) aufgezeigt. Gewisse Prozesse können standardisiert und in logischen Abfolgen angeordnet werden. Pflegerische Qualitätsentwicklung wird hierdurch systematisch planbar, Maßnahmenindexe lassen sich den Pflegediagnosen zuordnen und kalkulieren.

Die Verwendung von Pflegediagnosen im klinischen Alltag setzt ein hohes Maß an Fachkompetenz voraus, sie erlaubt dem Pflegepersonal jedoch eine höhere Flexibilität und schafft Abgrenzungen und Annäherungen mit anderen Fachdisziplinen in der Klinik.

Kategorisierte Pflegediagnosen im Sinne der NANDA-Diagnosen steuern pflegerische Ablaufprozesse dadurch, daß sie Möglichkeiten zur systematischen Maßnahmen- und Zielzuschreibung ermöglichen (s. Abb. 1).

Abb. 1: Beziehungen von Klassifikationssystemen (bearbeitet nach McCluskey 1992, S. 7)

Keywords
Intensivmedizin, Pflegediagnosen, Ablaufprozesse, Konzepte

Anschrift

G. Bekel
Tulpenstr. 7a
D-49661 Cloppenburg

Literatur
1. Baker Risner, Phyllis: Nursing Diagnosis: Diagnostic Statements. in: Christensen, Paula, Kennea, Janet: Nursing Process. Mosby Company, St. Louis, 1990, 3 ed.

2. Cox, Helen; Hinz, Mittie; u.a.: Clinical applications of nursing diagnosis. Davis Company, Philadelphia, 1989

3. Doenges, Marilynn; Moorhouse, Francis: Application of nursing process and nursing diagnosis. Davis Company, Philadelphia, 1992

4. Gordon, Majory:Nursing Diagnosis. Process and Application. Mosby Year Book, St. Louis, 1994

5. Gulanick, Meg u.a.: Nursing care plans; nursing diagnosis and interventions. Mosby Company, St. Louis, 1990, 2 ed

6. McCluskey, Joanne; Bulechek, Gloria: Nursing Intervention Classification (NIC). Mosby Year Book, St. Louis, 1992


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