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2. Ausgabe 1996 |
Wärme- und Feuchtigkeitstauscher im Anästhesiekreisteil
P. P. Kleemann
Einleitung
Durch die tracheale Intubation und die Tracheotomie wird die
Klimatisierungsfunktion des nasopharyngealen Raumes
ausgeschaltet. Die Befeuchtungsleistung des oberen
Respirationstraktes ist durch umfassende Untersuchungen belegt.
Ziel jeder längerdauernden Narkosebeatmung ist, das bei
physiologischer Nasenatmung vorhandene tracheobronchiale Klima
aufrechtzuerhalten und Energieverluste und die Schädigung der
mukoziliären Funktion zu vermeiden. In besonderem Maße gilt
diese Forderung für Langzeitnarkosen über 120 Minuten und
für Patienten mit Erkrankungen des Tracheobronchialsystems. Die
Beatmung mit trockenen Gasen bewirkt eine Verschiebung der
"Isothermic saturation boundary" aus dem
Bifurkationsbereich in Richtung der kleineren Bronchien. Die
pathophysiologischen Folgen der Austrocknung des mukoziliären
Epithels bis in den Bereich der Bronchiolen sind Wärme- und
Energieverluste mit postoperativem Shivering,
Flüssigkeitsverlust mit Behinderung und Aufhebung der
mukoziliären Clearance, Sekretretention und Sekreteindickung,
Complianceverminderung und Abnahme der FRC, Mikroatelektasen,
arterielle Hypoxie und schließlich Inflammation und Ulzeration
des respiratorischen Epithels. Da die Restitution der
beschriebenen Schäden am respiratorischen Epithel aus
undifferenzierten Zellen der Basalzellschicht erfolgen muß,
besteht über Tage bis Wochen eine schwere Behinderung oder
Aufhebung der mukoziliären Funktion, die postoperativ pulmonale
Komplikationen hervorrufen kann (1,2).
Klimatisierung im Anästhesiekreisteil
Im Anästhesiekreisteil wird die Klimatisierung des Inspirationsgasgemisches im wesentlichen von drei Vorgängen bestimmt (1,2,3):
a) Der endotracheale Tubus wirkt aufgrund seiner Oberfläche eingeschränkt als Wärme- und Feuchtigkeitstauscher.
b) Durch die Reaktion des Kohlendioxyds mit dem Atemkalk wird Wärme und Wasser erzeugt. Bei der Herstellung von Atemkalk werden erhebliche Wassermengen zugesetzt, die ebenfalls für die Anfeuchtung der Atemgase zur Verfügung stehen.
c) Die bei der Exspiration konservierte Feuchte- und
Wärmemenge wird dem Patienten wieder zugeführt. Die Effizienz
der Rückatmung im Narkosekreissystem hängt davon ab, in welchem
Umfang dem Inspirationsgasgemisch kalte und trockene Gase aus der
Frischgasleitung zugeführt werden.
Weitere Einflußfaktoren sind das Atemminutenvolumen und die Raumtemperatur. Eine Verbesserung der Klimatisierung anästhetischer Gase durch Rückgewinnung der in den Exspirationsgasen enthaltenen Wärme und Feuchte kann grundsätzlich durch zwei verschiedene Verfahren erreicht werden:
- die Anwendung von Wärme- und Feuchtigkeitstauschern,
- die Anwendung der Low- flow-, Minimal-flow-Technik oder des
geschlossenen Narkosesystems.
Wirkungsprinzipien
Die ersten Wärme- und Feuchtigkeitstauscher (HME = Heat and moisture exchanger) wurden entwickelt, um bei tracheotomierten Patienten die Folgen einer Ausschaltung der Befeuchtungsleistung des oberen Respirationstraktes und damit die durch Austrocknung hervorgerufene Entzündung und Ulzeration zu verhindern (4). Sie bestanden aus Metallelementen mit großer Oberfläche. Die Effizienz dieser HME war aufgrund der physikalischen Eigenschaften (hohe Dichte und hohe thermische Konduktivität) begrenzt. Das Prinzip der HME ist physikalisch gesehen ebenso einfach wie wirkungsvoll. Während der Exspiration passieren die warmen und feuchten Gase das relativ kühle Metallelement; dabei wird das Gas abgekühlt, das Element erwärmt, und Wasser kondensiert aus dem Gas auf das Element. Während der nächsten Inspiration wird kühles und trockenes Inspirationsgas durch das Gerät geführt und so erwärmt und befeuchtet. Da der Vorgang adiabat abläuft, das heißt keine Wärme von außen zugeführt wird, wird der Wärme- und Feuchtigkeitstauscher rasch abgekühlt. Dies ist für den Kondensationsvorgang bei der nächsten Exspiration wesentlich. Neuere Wärme- und Feuchtigkeitstauscher, bei denen das Metallgehäuse durch Kunststoff ersetzt wurde, kühlen die Expirationsgase noch weiter ab, als dies der Umgebungstemperatur entsprechen würde. Sie verbessern damit die Rückgewinnung der Wärme und Feuchtigkeit aus den Exspirationsgasen bedeutend. Die Effizienz der als Einmalartikel auf dem Markt befindlichen Wärme- und Feuchtigkeitstauscher konnte erheblich verbessert werden durch
- Verminderung der Wärmeleitfähigkeit und Optimierung der Kondensation,
- Vergrößerung des Totraums,
- Vergrößerung der wirksamen Oberfläche und
- Beschichtung der Oberfläche mit hydrophilen Materialien,
zum Beispiel Kalziumchlorid, die Wasser adsorbieren und wieder
abgeben (1,4,5).
Auch Bakterienfilter aus hydrophoben Materialien wirken als
Wärme- und Feuchtigkeitstauscher (1). Die Effizienz der Wärme-
und Feuchtigkeitstauscher wird letztlich von den je nach
Atemzyklus wechselnden Temperaturen, dem Atemzugvolumen, der
Atemfrequenz, der relativen Feuchte der eingespeisten Gase, der
den Materialien eigenen Wärmekapazität und Konduktivität sowie
dem Wassergehalt der Elemente abhängen. Auch die Größe des
respiratorischen Wasserverlustes wird von allen diesen Faktoren
bestimmt. Eine Rolle spielt dabei die Dichtigkeit des Systems, da
es, wie nachgewiesen werden konnte, durch Cuff- Undichtigkeit zur
irreversiblen Enthalpieverlusten kommen kann.
Risiken
Wärme- und Feuchtigkeitstauscher bewirken, wenn sie in das
Anästhesiekreissystem gebracht werden, in Abhängigkeit von
ihrer Porengröße und Oberfläche eine Erhöhung des
Beatmungswiderstandes. Durch Einlagerung von Blut, Sekret und
Flüssigkeit kann der Beatmungsdruck ansteigen. Gemäß der DIN
EN 740 und DIN EN 743 sollte der maximale Beatmungswiderstand 2,5
cm H2O bei einem Gasfluß von 60 L/min betragen. Für Wärme- und
Feuchtigkeitstauscher gilt die ISO- Norm. Die Resistance der HME
darf nach 24 Stunden mit simulierter Patientenbeatmung 5 cm H2O x
L -1 x sec -1 nicht überschreiten.
In der Literatur sind schwere Zwischenfälle, wie der beidseitige
Spannungspneumothorax, als Folge der Obstruktion des Filters im
Beatmungssystem beschrieben worden. Als Ursachen werden
fehlerhafte Produkte und die Obstruktion des Filtermediums durch
Körpersekret und Blut angegeben. Es ist deswegen zu fordern,
daß das Narkosebeatmungsgerät, in dem ein Filter patientennah
zwischen Tubus und Y-Stück eingefügt ist, eine sichere
Überwachung des Beatmungsdruckes vor und nach dem Filter
zuläßt. HME bewirken eine von ihrem Volumen abhängige
Erhöhung des Totraums. Bei kontrollierter Beatmung und
adäquatem Monitoring, zum Beispiel der ET [CO2], ergeben sich in
der Regel keine Probleme. Nasse Filter erhöhen die Atemarbeit,
wenn der Patient spontan atmet. Auch bei Patienten mit schwerem
ARF (Acute respiratory failure) verursacht der Filter ungünstige
mechanische Beatmungseffekte und ist demzufolge kontraindiziert.
Letztlich muß berücksichtigt werden, daß die Benutzung des
Filters im Narkosekreissystem nicht nur die Gefahr der
Obstruktion des Systems erhöht, sondern auch das Risiko der
Diskonnektion durch zwei zusätzliche Konnektionsstellen (6).
HME oder reduzierter Frischgasflow
Die Effizienz der einzelnen im Handel befindlichen HME Feuchte
rückzugewinnen, wurde in zahlreichen Untersuchungen mit sehr
unterschiedlichen Meßprinzipien und Versuchsanordnungen gemessen
(1,5). Die Ergebnisse sind deswegen nicht ohne weiteres
vergleichbar. Alle Überlegungen, durch Konservierung und
Rückführung (Recycling) der in den Exspirationsgasen
enthaltenen Feuchte und Wärme eine optimale Klimatisierung zu
erreichen, müssen davon ausgehen, daß nach den Gesetzen der
Thermodynamik in einem adiabaten System die konservierte und
zurückgeführte Enthalpie immer geringer als die primär in den
Exspirationsgasen bereitgestellte sein wird. Damit sind - wenn
man die Effekte des Atemkalkes nicht einbezieht - die Grenzen
einer jeden möglichen Optimierung des tracheobronchialen
Bioklimas durch Recycling auf einen Bereich von etwa 30 mg H2O/L
und 32 bis 34 °C festgelegt (1,2,6). Jede weitere Verbesserung
kann nur durch Zufuhr von Energie ( künstliche Befeuchtung oder
thermostatisierte Schlauchsysteme) erfolgen (6). Die
Befeuchtungsleistung der auf dem Markt befindlichen HME liegt
nach eigenen Untersuchungen sowie den Ergebnissen der Literatur
zwischen 20 und 30 mg H2O/L und 28 bis 32 °C (1,6). Der Vorteil
der HME im Narkosekreissystem ist darin zu sehen, daß die
Befeuchtung der Atemgase in der Regel sehr schnell (nach 5 bis 10
Minuten) optimale Werte erreicht. Auch unter den Bedingungen des
Low- und Minimal flow ist eine effektive Rückgewinnung der in
den Exspirationsgasen enthaltenen Feuchte und Wärme möglich.
Eine optimale Befeuchtung der inspiratorischen Gase kann mit den
vorhandenen Narkosemaschinen jedoch frühestens nach 60 Minuten
erreicht werden (2,6). Durch Thermostatisierung des
Schlauchsystems wird diese Zeit wesentlich verkürzt (6). Die
gleichzeitige Anwendung des HME und der Low- flow- Technik ergibt
keinen additiven Effekt. Unter Low- flow- Bedingungen nimmt die
Befeuchtungsleistung des HME in der späteren Phase der Beatmung
ab (1).
Schlußfolgerungen
Die Befeuchtungsleistung der HME hat wegen der günstigen Klimatisierungsbedingungen des halbgeschlossenen Kreissystems untergeordnete Bedeutung (3). Deshalb sollte die Befeuchtungsleistung der HME bei Allgemeinanästhesien nicht als Entscheidungskriterium im Vordergrund stehen, sondern andere Aspekte, wie effektive bakterien- und virenretentive Eigenschaften. So kann bei patientennahem Einsatz geeigneter hydrophober Filter sowohl die Befeuchtung optimiert als auch das Intervall der Wiederaufbereitung des Kreissystems verlängert werden (7).
Keywords
respiratorische Therapie, Klimatisierung der Inspirationsluft,
Wärmetauscher, Feuchtigkeitstauscher, Frischgasflow,
Anästhesiekreissystem
Anschrift
Literatur
1. Kleemann PP.: Tierexperimentelle und klinische Untersuchung
zum Stellenwert der Kimatisierung anästhetischer Gase im
Narkosekreissystem bei Langzeiteingriffen. Wiss.Ver.-Abt. Abbott,
Schriftenreihe Habilitationen Wiesbaden 1989
2. Kleemann PP.: Humidity of anaesthetic gases with respect to low flow anaesthesia. Anaesth Intens Care 22, 396-408 (1994)
3. Konrad F.: Beatmungsfilter in der Anästhesie und Intensivmedizin. Hyg Med 20, 255-262 (1995)
4. Kleemann PP.: Therapie des gestörten tracheobronchialen Bioklimas. in: E.Rügheimer (Hrsg.) Respiratorische Therapie nach operativen Eingriffen. Springer Heidelberg- Berlin- New York S 421-437 (1995)
5. Rathgeber J., Züchner K., Kietzmann D., Weyland W.: Wärme- und Feuchtigkeitstauscher zur Klimatisierung der Inspirationsluft intubierter Patienten in der Intensivmedizin. Anaesthesist 44, 274-283 (1995)
6. Kleemann PP., Schickel B., Jantzen JP.:Heated breathing tubes affect humidity output of circle absorber systems. J Clin Anesth. 5, 463-467 (1993)
7. Kleemann PP.: Bakterienfilter in der künstlichen Beatmung. Anaesthesist 43, (Suppl) 3 (1994)
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