Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung 2. Ausgabe 1996


Prävention nosokomialer Pneumonien und Infektionskontrolle

I. Kappstein

Eine effektive Prävention nosokomialer Pneumonien muß sich an den Zugangswegen für Mikroorganismen in die Lunge orientieren und darauf abzielen, diese, soweit möglich, zu unterbrechen.

1. Kolonisation von Oropharynx und Magen

Die Beziehung zwischen der Kolonisierung der oberen Atemwege sowie des Magens und der Entwicklung von Pneumonien hat zu verschiedenen Ansätzen geführt, die Kolonisierung insbesondere mit gram-negativen Stäbchen zu verhindern oder zumindest nachhaltig zu reduzieren.

Selektive Dekontamination des Digestionstraktes (SDD). Das Prinzip der SDD ist die Verhütung bzw. Reduzierung einer mikrobiellen Kolonisierung des Nasopharynx und des Magen-Darm-Traktes durch topische Applikation nicht resorbierbarer Antibiotika und Antimykotika, um damit der Entwicklung von Pneumonien bei der besonders gefährdeten Gruppe schwerkranker beatmeter Patienten vorzubeugen. Vor allem soll dabei die Besiedlung mit gram-negativen Stäbchen und mit Candida sp. verhindert werden, ohne aber die anaerobe Normalflora zu beeinträchtigen, die  über bakterielle Interferenz für die natürliche Kolonisationsresistenz eine wichtige Rolle spielt. Ein viel diskutierter Kritikpunkt ist die Gefahr der Resistenz-entwicklung bzw. der Selektion primär resistenter oder nur mäßig empfindlicher Erreger unter SDD, weshalb SDD nur mit  äußerster Zurückhaltung und unter konsequenter mikrobiologischer Kontrolle angewendet werden soll.

Streßulkusprophylaxe. Die Tatsache, daß der Magen bei der Kolonisierung des Oropharynx bei beatmeten Patienten ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, führte dazu, daß die Streßulkusprophylaxe, die, um wirksam zu sein, zu einer gewissen Erhöhung des Magensaft-pH's führen muß, auch unter einem mikrobiologischen Aspekt betrachtet wurde. So wurde untersucht, ob mit Medikamenten, die den Magensaft-pH nur mäßig beeinflussen, wie z.B. Sucralfat, die Pneumonieraten niedriger sind als bei Verwendung der klassischen Substanzen für die Streßulkusprophylaxe, wie insbesondere H2-Blocker. Die Ergebnisse waren jedoch nicht einheitlich, und eine Metaanalyse zeigte lediglich eine Tendenz zu einem geringeren Pneumonierisiko unter Sucralfat.

Ansäuerung der enteralen Nahrung. Ein neuer, effektiver Ansatz, die Kolonisierung des Magens mit potentiell pathogenen Pneumonieerregern zu verhindern, ist die Ansäuerung der Sondennahrung bei enteraler Ernährung. Inwieweit dadurch jedoch die Häufigkeit von Pneumonien beeinflußt wird, wurde bisher nicht untersucht.

2. Verhinderung der Aspiration

Mikroaspirationen von mikrobiell besiedeltem Oropharyngealsekret und Magensaft können mit den folgenden Maßnahmen verhindert werden: Man kann den Patienten, wenn keine medizinischen Gründe dagegen sprechen, mit leicht angehobenem Oberkörper (ca. 30-40°) lagern. Wird der Patient enteral ernährt, soll darauf geachtet werden, daß eine weitere Gabe von Nahrung nur erfolgt, wenn das Residualvolumen im Magen seit der letzten Gabe nicht zu groß ist (< 50 ml). Eine Nahrungsgabe soll ebenfalls unterbleiben, wenn bei der Auskultation des Abdomens keine Darmgeräusche zu hören sind. Ob aber die Nahrungsgabe mehrmals täglich im Bolus einer kontinuierlichen Gabe vorgezogen werden soll, ist derzeit noch ungeklärt, weil dies bisher erst bei einer zu geringen Patientenzahl untersucht wurde.

3. Maßnahmen bei Intubation und Beatmung

Bei der Pflege und Versorgung beatmeter Patienten müssen eine Reihe von Maßnahmen beachtet werden, um den Patienten nicht einem vermeidbaren Infektionsrisiko auszusetzen.

Händehygiene. Besonders wichtig ist eine adäquate Dekontamination der Hände des Personals, weil im Umgang mit beatmeten Intensivpatienten die Gefahr der Kontamination groß ist, z.B. beim endotrachealen Absaugen, Entleeren der Wasserfalle oder Benutzung des Beatmungsbeutels.

Endotracheales Absaugen. Beim Absaugen des Trachealsekrets muß sehr sorgfältig und vorsichtig vorgegangen werden. Man soll dabei auf eine streng aseptische Technik achten, um Kreuzkontaminationen von z.B. kontaminiertem Beatmungszubehör oder den Händen des Personals zu verhindern. Da sich subglottisch immer respiratorisches Sekret ansammelt, wurde auch untersucht, ob das regelmäßige Absaugen dieses Sekretpools die Pneumoniehäufigkeit beeinflussen kann. In den bisherigen Studien, in denen  über eine dorsale  Öffnung im Tubus oberhalb des Cuffs das sich dort ansammelnde Sekret regelmäßig abgesaugt wurde (= subglottisches Absaugen), war die Pneumoniehäufigkeit im Vergleich zu Patienten mit konventionellen Tuben erniedrigt. Die Patientenzahlen sind jedoch noch zu niedrig, um daraus Empfehlungen abzuleiten.

Absaugkatheter. Zum endotrachealen Absaugen werden derzeit entweder offene Einmal-Katheter oder geschlossene Systeme zur kontinuierlichen Verwendung benutzt. Bisher konnte nicht gezeigt werden, daß mit dem geschlossenen System eine geringere Kontamination der Umgebung des Patienten (z.B. der Hände des Personals) oder sogar eine niedrigere Pneumonierate assoziiert ist.

Beatmungsgerät. Da Beatmungsgeräte in ihrem Inneren nicht kontaminiert werden, ist eine Desinfektion der inneren Teile der Maschine nicht sinnvoll. Auch die Verwendung eines bakteriendichten Filters gerätenah im Exspirationsschenkel wird nicht empfohlen.

Beatmungsschlauchsystem. Mit den modernen physikalisch-thermischen Aufbereitungsverfahren können thermostabile Gegenstände wie Beatmungsschläuche ohne hygienisches Risiko wiederverwendet werden. Zu einer Kontamination des Lumens der Beatmungsschläuche kommt es jedoch nahezu zwangsläufig während der Beatmung durch die Bildung von Kondenswasser, das retrograd aus dem Nasen-Rachenraum des Patienten besiedelt wird. Wichtig ist, daß es bei pflegerischen Maßnahmen etc. nicht zu einem Rückfluß von Kondenswasser zum Patienten kommt, weil dadurch mit hohen Keimzahlen kontaminiertes Kondenswasser  über den Tubus direkt in die tieferen Atemwege gelangen könnte. Werden heizbare Beatmungsschläuche verwendet, kommt es nicht zur Bildung von Kondenswasser, und die Schläuche bleiben trocken, was aus hygienischer Sicht von Vorteil ist. Bei Verwendung aktiver Atemgasanfeuchtungssysteme wie Kaskaden kann heute aufgrund verschiedener Untersuchungen empfohlen werden, die Beatmungsschläuche länger als 48 h zu belassen, jedoch ist das maximale Wechselintervall derzeit unbekannt. Anstelle einer aktiven Befeuchtung des Atemgases werden seit einigen Jahren vermehrt Wärme- und Feuchtigkeitstauscher (engl. Heat-and-moisture-exchanger = HME, auch künstliche Nasen oder Klimatisierungsfilter genannt) verwendet. Trotz ihrer theoretischen Vorteile konnte bisher in keiner klinischen Untersuchung eine Senkung der Pneumonierate beobachtet werden. Aus hygienischer Sicht ist dabei wiederum von Vorteil, daß das Beatmungsschlauchsystem trocken bleibt, weil sich kein Kondenswasser bildet.

Vernebler. Beim Vernebeln von Flüssigkeiten werden Aerosole erzeugt, die aufgrund ihrer minimalen Größe auch bei nicht intubierten Patienten ungehindert in die tiefen Atemwege gelangen können. Vernebler mit einem großen Flüssigkeitsvolumen (> 500 ml, z.B. Ultraschall-Vernebler) stellen dabei das größte Pneumonierisiko dar, weil die produzierte Aerosolmenge groß ist. Die Gefahr der Freisetzung bakterienhaltiger Aerosole ist immer dann gegeben, wenn das Wasserreservoir kontaminiert worden ist (z.B. durch die Hände des Personals oder durch unsterile Flüssigkeiten). Venebler müssen deshalb thermostabil sein, damit sie autoklaviert oder thermisch desinfiziert werden können, und es muß sterile Flüssigkeit zum Füllen des Reservoirs verwendet werden. Kleinvolumige, sog. in-line-Medikamentenvernebler (ca. 30 ml), die in den Inspirationsschenkel des Beatmungsschlauchsystems integriert werden, können ebenfallsAerosole produzieren. Eine Kontamination des Reservoirs, z.B. durch Kondenswasser im Schlauchsystem, erhöht deshalb auch das Pneumonierisiko. Nach jeder Anwendung sollen diese Vernebler entweder thermisch aufbereitet werden oder, wenn dies aus organisatorischen Gründen nicht möglich ist, mit sterilem Wasser ausgespült und anschließend gut getrocknet werden, um sie später beim selben Patienten wieder verwenden zu können. Leitungswasser wird hierfür nicht empfohlen, obwohl ein hygienisches Risiko nicht gegeben wäre, wenn die Reservoire vollständig getrocknet werden würden.

Beatmungsbeutel. Durch das respiratorische Sekret der Patienten können Beatmungsbeutel im Inneren und durch die Hände des Personals an der Außenseite kontaminiert werden. Sie sollen deshalb einmal täglich thermisch desinfiziert werden.

4. Sonstige Maßnahmen

Atemtraining. Bestimmte Patienten haben ein erhöhtes postoperatives Pneumonierisiko, z.B. alte Menschen,  übergewichtige Personen, Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenkrankheit. Außerdem sind bestimmte operative Eingriffe mit einem erhöhten Pneumonierisiko verbunden, so z.B. HNO-, Thorax- oder abdominal-chirurgische Eingriffe, die postoperativ z.B. mit Schluckstörungen oder eingeschränkter Zwerchfellfunktion verbunden sein können. Insbesondere bei diesen Patienten soll bei elektiven Eingriffen ein praeoperatives Atemtraining durchgeführt und postoperativ durch geeignete Maßnahmen, z.B. Physiotherapie, dafür gesorgt werden, daß die Lungenfunktion gefördert wird. Wichtig ist ferner, daß postoperative Schmerzen wirkunsgsvoll bekämpft werden, damit die Atmung nicht dadurch behindert wird.

Lagewechsel. Sog. 'kinetische Betten', die automatisch einen regelmäßigen langsamen Lagewechsel des Patienten um die Längsachse erzeugen, werden ebenfalls neuerdings empfohlen. Die Effektivität solcher Betten bei der Pneumonieprophylaxe ist jedoch nicht belegt, weil die bisherigen Studien aufgrund mangelnden Studiendesigns nicht aussagefähig sind.

Pneumokokken-Impfung. Bei bestimmten gefährdeten Patientengruppen wird die Pneumokokken-Impfung befürwortet, auch wenn Pneumokokken nicht zu den häufigen Erregern nosokomialer Pneumonien gehören.

Die Impfung kommt in folgenden Situationen in Frage: Alter >= 65 Jahre, chronische kardiovaskuläre oder pulmonale Erkrankungen, Diabetes mellitus, Alkoholismus, Leberzirrhose, Liquorfistel, Immunsuppression, funktionelle oder anatomische Asplenie, HIV-Infektion.

Ein Krankenhausaufenthalt solcher Patienten aus welchem Grund auch immer soll dafür genutzt werden, diese durch lebensbedrohliche Pneumokokken-Infektionen gefährdeten Personen mit der Impfung vor einer irgendwann später auftretenden Infektion zu schützen. Somit hat die Empfehlung der Pneumokokken-Impfung nur am Rande mit der Prävention nosokomialer Pneumonien zu tun.

Keywords
nosokomiale Pneumonien, Infektionskontrolle, Kreuzkontaminationen

Anschrift

PD Dr. med. Ines Kappstein
Klinikum der Albert-Ludwigs-Universität
Institut f. Umweltmedizin und Krankenhaushygiene
Hugstetter Str. 55
D-79106 Freiburg

Literatur
1. Tablan OC, Anderson LJ, Arden NH, Breiman RF, Butler JC, McNeil MM and The Hospital Infection Control Practices Advisory Committee: Guideline for prevention of nosocomial pneumonia. Infection Control and Hospital Epidemiology 15 (1994) 587-627


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