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2. Ausgabe 1996 |
Pflege im Spannungsfeld zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften
H. Friesacher
Einleitung
Ende der 80er Jahre setzte die Akademisierung der Pflege mit
einiger Verspätung auch in Deutschland ein. Bei der Betrachtung
der schon bestehenden und geplanten pflegewissenschaftlichen
Studiengänge ist der wesentliche Grundkonsens, daß sich neben
der Pflegewissenschaft als zentralem Fach die relevanten
Bezugsdisziplinen aus dem Sozial- und/oder
geisteswissenschaftlichen Bereich etablieren. Damit wird auch
deutlich, daß sich die Pflegewissenschaft nicht als eine
medizinische Disziplin versteht und medizinische Inhalte eher
eine untergeordnete Rolle in den Studiengängen spielen. Die
Pflegepraxis zeigt allerdings noch eine überwiegend an der
Medizin und ihrem naturwissenschaftlich-technischen Paradigma
orientierte Ausrichtung. Das trifft besonders für die
Intensivpflege zu. Die Analyse der Pflegepraxis und deren
historische Wurzeln zeigt die Ursachen dafür und macht die
Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels deutlich. Erst die
Anerkennung der Eigenständigkeit der Pflege(wissenschaft) durch
andere Disziplinen ermöglicht eine Kooperation im Sinne einer
Interdisziplinarität.
Historische Entwicklung der modernen Pflege und Intensivpflege
Die letzten 200 Jahre waren für die Entwicklung der modernen Krankenpflege sehr bedeutend. Gesellschaftliche Ereignisse dieser Zeit, die großen Einfluß auf die Krankenpflege hatten, waren u.a. die Industrialisierung und das Aufkommen der Lohnarbeit, die Veränderung der Wohnverhältnisse mit dem Entstehen großer Ballungszentren und Großstätte wie Berlin und die Zunahme kriegerischer Auseinandersetzungen. Zu dieser Zeit wurde Krankenpflege zu einem bürgerlichen Frauenberuf, Pflege wurde als hausarbeitsnahe Tätigkeit definiert und hatte somit auch keine Merkmale beruflicher Arbeit wie eine adäquate Ausbildung, angemessene Bezahlung und geregelte Arbeitszeit. Von Beginn an wurde Pflege mit der bürgerlichen Frauenrolle identifiziert, und bürgerliche Ideologien vom Wesen der Frau vermischten sich mit christlich- asketischen Vorstellungen der Entsagung und Unterordnung, der Aufopferung und Selbstverleugnung. Diese von Pastor Fliedner begründete Verbindung schuf die Grundlage für die deutsche Krankenpflegeideologie. Die Unterordnung der Frau unter den Mann war ein wesentliches Merkmal, das die Ausübung der Tätigkeit prägte, nicht die fachliche Kompetenz. Krankenpflege wurde in starkem Maße ein Zuarbeitungsberuf, Ärzte und Theologen haben auch heute noch großen Einfluß, selbst da, wo es ausschließlich um pflegerische Entscheidungen geht (Taubert 1992). Eine Ablehnung von entsprechender Bildung für Pflegende tat ein übriges, und so zog die Medizin mit ihren riesigen Fortschritten in das 20. Jahrhundert, während die Pflege sich mit dem Weitergeben von tradierten Pflegekenntnissen und Pflegemaßnahmen begnügte.
Die Intensivpflege entwickelte sich in der heutigen Form vor
ca. 30 Jahren, und auch hier wurden die Pflegenden fremdbestimmt
und hatten sich den Bedürfnissen der Intensivmediziner
anzupassen, die für diesen Bereich kompetente und speziell
ausgebildete Hilfskräfte benötigten. Die Richtlinien der
Deutschen Krankenhaus Gesellschaft (DKG) von 1976 dominieren bis
heute in weiten Teilen die Weiterbildungslandschaft. Ein Blick in
die Stundenverteilung der drei verschiedenen
Fachweiterbildungsbereiche innerhalb der Intensivpflege
(anästhesiologisch, internistisch, pädiatrisch) genügt, um
auch hier die Dominanz medizinisch- technischer Themengebiete zu
erkennen. Die bisher geschilderte Orientierung von Pflege und
Intensivpflege ist unzweifelhaft verrichtungs-, arzt-, symptom-
und krankheitsorientiert und damit patientenignorierend.
Untersuchungen auf Intensivstationen und Schilderungen von
Patienten belegen das in eindringlicher Weise.
Intensivpflege heute
Die durch die High- Tech- Medizin bedingte technikintensive Arbeit ist zur vorherrschenden Leistung der MedizinerInnen und zu einem großen Teil auch der Pflegenden geworden. Der durchschnittliche Arbeitsplatz am Intensiv- Krankenbett sieht wie folgt aus: 12 Diagnose- und Therapiegeräte, 85 Bedienelemente, 65 Anzeigeelemente, 30 Alarme, 15 Leitungen zum Patienten, 11 Leitungen zur Logistik. Insgesamt muß der/die Pflegende auf 400 Daten/Tag reagieren, ungefähr alle 90 Sekunden wendet er/sie sich einer neuen Tätigkeit zu, 50% der einzelnen Verrichtungen sind kürzer als eine halbe Minute (Hecker u. Hölscher 1990).
Diese Orientierung ist in akuten Krisen erfolgreich (z.B.
Reanimation), bedarf aber schon in so technikdominierten
Bereichen wie der Intensivstation der Ergänzung durch
interaktionsintensive Leistungen, damit ein Erfolg (z.B. die
Genesung nach einer Herzoperation) gelingen kann. Die
Intensivbehandlung und -pflege läßt sich als phasenhafter
Verlauf darstellen (Akutphase, Postakutphase,
Stabilisationsphase, Rehabilitationsphase). Die Betreuung von
Schwerstkranken erfordert unterschiedliche Anforderungen und
somit verschiedene Typen von Arbeit, wie z.B. körperbezogene
Arbeit, Maschinenarbeit, Sicherheitsarbeit, Fehlerarbeit,
Informationsarbeit, Gefühlsarbeit, Aushandlungsarbeit und auch
Arbeit des Patienten (Strauss u.a. 1980, 1985). Dadurch wird auch
deutlich, daß das Aufgabenfeld sich von der klassischen
Kranken-Pflege weiterentwickeln muß zu einer Gesundheits-,
rehabilitativen und palliativen Pflege.
Pflege und ihre Bezugsdisziplinen
Die bisherige Darstellung zeigt, daß Pflege und Medizin eng miteinander verzahnt sind, beide Berufe haben einen totalen Bezug zum menschlichen Körper. Der wesentliche Unterschied liegt meines Erachtens aber in dem unterschiedlichen Blickwinkel: Das medizinische Paradigma mit seiner fast ausschließlich somatischen Ausrichtung hat eine nach Prioritäten abgestufte Tätigkeitsrangfolge nach sich gezogen: Höchste Priorität haben lebenserhaltende technikintensive Leistungen, an letzter Stelle rangieren interaktionsintensive Maßnahmen, z.B. Linderung negativer Gefühle. Es lassen sich heute vier Grundoptionen in der Therapie unterscheiden: die Anwendung technischer Verfahren, die Medikamentenbehandlung, die verhaltensmedizinischen Ansätze und die soziale Unterstützung. Entscheidend für die Orientierung des Arztes/der Ärztin in seiner/ihrer späteren klinischen Arbeit ist die Sozialisation durch das Medizinstudium, welches in der jetzigen Form die Entfremdung vom Patienten und die Entfremdung von der Arbeit fördert. "Die Krise der modernen Medizin ist eine Krise ihrer theoretischen Grundlagen und ihrer Ausbildungspraxis" (Badura 1994, S. 48, vergl. auch Mannebach 1993). Die Krise der Pflege (Identitätsprobleme, Belastungen) liegt in den scheinbar unvereinbaren Gegensätzen zwischen technikintensiven Leistungen (gefordert von den ÄrztInnen und den damit verbundenen Aufgaben in der Diagnostik u. Therapie) und den interaktionsintensiven Tätigkeiten (eingefordert von den PatientInnen und deren Angehörigen).
Die Nähe der Pflege zu den Sozialwissenschaften ergibt sich aus dem komplexen phänomenologischen Zugang und Handlungsbezug zum menschlichen Körper, das grenzt sie von anderen sozialen Berufen ab. Somit rücken der Beziehungsaspekt und damit das Beziehungshandeln mit ins Zentrum pflegerischer Tätigkeiten (Vergl. Kling- Kirchner 1994). So erfordert z.B. das Entwöhnen von der maschinellen Beatmung neben den technischen Fähigkeiten vor allem viel Einfühlungsvermögen, pädagogische Fähigkeiten und auch Intuition. Kommunikative und soziale Kompetenz sind also auch in den technikintensiven Bereichen die eigentlichen pflegerischen Aufgaben. Entsprechende Konzepte zu erarbeiten ist eine wesentliche Aufgabe klinisch orientierter Pflegewissenschaft und Forschung. Beispielhaft sei hier auf Arbeiten zur Angstreduzierung bei herzkranken Patienten auf der Intensivstation verwiesen (vergl. Busch 1994).
Professionelles Pflegehandeln erfordert verschiedene
Kompetenzen, die auf (pflege)wissenschaftlichen Erkenntnissen
beruhen. Es lassen sich Begründungs-, Entscheidungs- und
Handlungskompetenzen unterscheiden, die sich dem
pflegeprozessualen Geschehen zuordnen lassen. Weitere
Kompetenzbereiche, die den Entscheidungs- und
Handlungskompetenzen zuzuordnen sind, sind nach Weidner (1995)
die praktisch- technische, die klinisch- pragmatische und die
ethisch- moralische Kompetenz. Letztere "sorgt sowohl für
die Regelung von Rechte und Pflichten im Rahmen der Pflegekraft-
Patienten- Interaktion als auch für die ethische Gewichtung und
Begründung von pflegerischen Maßnahmen. Diese Kompetenz dient
der Sicherstellung eines 'ethisch-moralisch' reflektierten
Pflegehandelns" (Weidner 1995, S. 126). Die Ethik als
Teildisziplin der Philosophie spielt für eine professionelle
Pflege eine entscheidende Rolle. Immer wiederkehrende Fragen
sind: "Was muß ich tun, was darf ich unterlassen ? Nach
welchen Kriterien und Gesichtspunkten muß ich meine Handlungen
und Unterlassungen ausrichten ? Welchen Wertorientierungen gebe
ich mit welchen Begründungen Vorzug? Und wie finde ich meine
persönliche und professionelle Entscheidung?" (Heller 1993,
S. 174). Pflegende können sich den ethischen Herausforderungen
wie z.B. Sterbehilfe, lebensverlängernde Maßnahmen und
Maximaltherapie, Transplantationen und Hirntodkriterium nicht
verschließen. Die Entwicklung einer eigenen pflegerischen Ethik
steht noch am Anfang und ist unlösbar verbunden mit
Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung. Dazu bedarf es
eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit.
Schlußbetrachtung
Die hier skizzierten Verbindungen von Pflege im allgemeinen und Intensivpflege im besonderen zu ihren unmittelbaren Bezugsdisziplinen sind natürlich unvollständig, zeigen aber deutlich genug, wo Verbindungen und Gemeinsamkeiten bestehen und wo es Abgrenzungen und Unterscheidungen gibt. Ein Kernpunkt von Pflegewissenschaft und einer professionellen Pflegepraxis ist ein personenbezogenes Handeln mit einem spezifischen Zugang zum menschlichen Körper. Dabei möchte ich nicht verschweigen, daß die Pflege ihren Körperbegriff bisher nicht hinreichend geklärt hat. Der Gegenstand der Pflegewissenschaft läßt sich in vier bzw. fünf Bereiche einteilen, diese Typologisierung dient zur Systematisierung von Wissen im Pflegebereich. Seidl (1993) unterscheidet dabei die Dimensionen "'Der Mensch in bezug auf Gesundheit und Krankheit', 'Interaktion in bezug auf Gesundheit und Krankheit', 'Pflegende als ExpertInnen', 'Pflegerische Handlungen' und 'Umwelt'". Die größere Nähe der Pflege zu den Sozial- und Geisteswissenschaften als zu den Naturwissenschaften wird von seiten der Pflege mittlererweile auch in den Promotionsstudien deutlich. Der Trend geht weg von der naturwissenschaftlichen Orientierung des Doctor of nursing science hin zu einer eher geistes- und sozialwissenschaftlichen Ausrichtung des Doctor of Philosophy in Nursing (Seidl 1993).
Abschließend möchte ich trotz aller notwendigen Abgrenzung zu den Bezugswissenschaften für den Blick über den Tellerrand und über die eigenen Dsziplingrenzen appellieren. Ein Abschotten und Ressortdenken führt zu einer isolierenden und fokussierenden Wahrnehmungs- und Denkweise. Beobachtete Phänomene werden so nur noch in dem engen Begriffsrahmen der eigenen Disziplin definiert, das naturwissenschaftlich-technische Paradigma der Medizin ist dafür nur ein Beispiel. Denkbar wäre für die Zukunft die Etablierung von Pflegewissenschaft, Public Health und Medizin unter einem gemeinsamen Dach der Gesundheitswissenschaften.
Keywords
Intensivmedizin, Pflegewissenschaft, Bezugsdisziplinen
Anschrift
Literatur
1. Badura, Bernhard (1994): Arbeit im Krankenhaus. In: Badura,B.,
G. Feuerstein (Hrsg.): Systemgestaltung im Gesundheitswesen. Zur
Versorgungskrise der hochtechnisierten Medizin und den
Möglichkeiten ihrer Bewältigung. Weinheim, S. 21 - 82
2. Busch, Jutta (1994): Die Bedeutung der Angst herzkranker Patienten für die Intensivpflege. intensiv 2, S. 135 - 140
3. Hecker, E., U. Hölscher (1990): Informationsverarbeitung am Erwachsenen - Intensivbett - ein Lösungsansatz. In: Friesdorf, B., B. Schwilk, J. Hähnel (Hrsg.): Ergonomie in der Intensivmedizin. Melsungen
4. Heller, Andreas (1993): Ethik und Pflegewissenschaft. Fragmente für einen ausstehenden Dialog. In: Seidl, E. (Hrsg.): Betrifft: Pflegewissenschaft. Beiträge zum Selbstverständnis einer neuen Wissenschaftsdisziplin. Wien, München, Bern, S. 171 - 190
5. Kling- Kirchner, Cornelia (1994): Auf dem Weg zu einem neuen Selbstverständnis. Pflege zwischen Sozialwissenschaft und Medizin. Pflege aktuell 10/94, S. 602 - 604
6. Mannebach, Hermann (1993): High- Tech Medizin versus Patientenorientierung: von der Diagnose zur Therapie. In: Badura, B., G. Feuerstein, T. Schott (Hrsg.): System Krankenhaus. Arbeit, Technik und Patientenorientierung. Weinheim, S. 185 - 190
7. Seidl, Elisabeth (1993): Pflegewissenschaft - Eine Annäherung an Begriff und Bedeutung. In: Seidl, E. (Hrsg.): Betrifft: Pflegewissenschaft. Beiträge zum Selbstverständnis einer neuen Wissenschaftsdisziplin. Wien, München, Bern, S. 99 - 117
8. Strauß, Anselm., S. Fagerhaugh, B. Suczek, C. Wiener (1980): Gefühlsarbeit. Ein Beitrag zur Arbeits- und Berufssoziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Bd. 32, S. 629 - 651
9. Strauß, Anselm, S. Fagerhaugh, B. Suczek, C. Wiener (1985): The Social Organisation of Medical Work. University of Chicago Press
10. Taubert, Johanna (1992): Pflege auf dem Weg zu einem neuen Selbstverständnis. Berufliche Entwicklung zwischen Diakonie und Patientenorientierung. Frankfurt/M
11. Weidner, Frank (1995): Professionelle Pflegepraxis und Gesundheitsförderung. Eine empirische Untersuchung über Voraussetzungen und Perspektiven des beruflichen Handelns in der Krankenpflege. Frankfurt/M
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