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1. Ausgabe 1996 |
Ethische Fragen an zukünftige Entwicklungen in Anästhesie und Intensivmedizin
F. Salomon
Zukunft: Dimension unserer Verantwortung
"Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." So formuliert Hans Jonas den kategorischen Imperativ Immanuel Kants um und erweitert ihn um die Dimension der Zukunft. Was schon immer galt, ist gerade in den letzten Jahren gewichtig in unser Bewußtsein gedrungen: Unser Handeln heute hat Konsequenzen für morgen, ebenso unser Unterlassen. "Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan" läßt Goethe im Faust den Theaterdirektor im Vorspiel auf dem Theater sagen.
Dieses Wissen prägt vermehrt politische Programme,
internationale Konferenzen (z.B. die Klimaschutzkonferenz in
Berlin vor wenigen Wochen), philosophische Konzepte und ethische
Entwürfe. Wir sind dabei zu lernen, daß auch zukünftige
Entwicklungen in den Bereich unserer Verantwortung fallen.
Die Möglichkeiten unseres Fachs zwingen zur Entscheidung
Wir gehen in unserem Fach Anästhesiologie und Intensivmedizin in sehr eingreifender Weise mit Menschen um. Was wir tun oder nicht tun, hat unmittelbare Auswirkungen für den einzelnen. Die Möglichkeiten unseres Handelns, diagnostisch wie therapeutisch, haben in den Jahren seit Verselbständigung unseres Fachs immens zugenommen.
Mit der Zunahme unserer Handlungsmöglichkeiten wächst auch unsere Verantwortung. Wenn ich schicksalsergeben einen Krankheitsverlauf beobachten muß, kann ich mich vielleicht innerlich dagegen auflehnen, habe aber keine andere Wahl, als ihn hinzunehmen. Sobald ich in der Lage bin einzugreifen, z.B. durch Reanimation einen Herz-Kreislaufstillstand zu überwinden und den Tod abzuwenden, stehe ich vor der Entscheidung, es zu tun oder zu lassen. Stehen mir mehrere Wege zur Therapie offen, z.B. spezielle Beatmungsmethoden, kinetische Therapie, Medikamentengabe und extrakorporale Oxygenierungsverfahren zur Behandlung des Akuten Lungenversagens, muß ich entscheiden, ob ich überhaupt etwas davon einsetze, was ich auswähle und wie ich die Möglichkeiten miteinander kombiniere.
Ich kann der Entscheidung nicht ausweichen. Auch abzuwarten, also nach landläufiger Meinung erst einmal nichts zu tun, ist die klare Entscheidung gegen den Einsatz der verfügbaren Möglichkeiten zum gegebenen Augenblick. 5 Minuten später kann die Zeit für eine wirksame Hilfe verstrichen sein. Hier wird besonders deutlich, was Heraklit meint, wenn er sagt: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen." Die Gegebenheiten ändern sich im Zeitablauf. Das Wasser ist weitergeflossen, der Mensch hat sich verändert.
Wir sind zur Entscheidung verurteilt, ob wir wollen oder nicht. Die Kriterien, nach denen wir entscheiden, sind üblicherweise medizinische Größen, z.B. klinische Symptome, Laborwerte, Monitordaten, EKG-Befunde oder Röntgenbilder. Abweichungen von Normalbefunden veranlassen zum Handeln. Wir entscheiden in einem kybernetischen Modell, um die Regelgrößen, z.B. Kreislaufstabilität oder Schmerzfreiheit, normal zu halten oder zu normalisieren. Das ist die naturwissenschaftliche Ebene unserer Medizin.
Doch das ist nicht alles. Der Zwang zur Entscheidung verlangt von einem verantwortungsbewußten Arzt, sich auch die Frage nach dem Wert seines Tuns oder Lassens für den Menschen zu stellen oder stellen zu lassen. Und das ist die ethische Dimension unserer Medizin. In der Ethik geht es um den Wert unseres Tuns für den Menschen, der davon betroffen ist.
Wenn ich nun ethische Fragen an zukünftige Entwicklungen in
Anästhesie und Intensivmedizin stellen soll, geht es um unsere
Verantwortung dafür, daß in der Weiterentwicklung unseres
Faches der Wert für den Menschen nicht aus den Augen verloren
werden darf. Es geht um eine humane Medizin.
Was bestimmt zukünftige Entwicklungen?
Welches sind zukünftige Entwicklungen in unserem Fachgebiet? Das ist zum Teil eine Frage der Einschätzung. Zukunftsprognosen sind subjektiv und unsicher. Entwicklungen werden von verschiedenen Seiten her beeinflußt, die wir nur bedingt einzuschätzen vermögen. Zum einen wird die Entwicklung von uns Anästhesisten beeinflußt, von dem, was wir für entwicklungsbedürftig halten. Das, was uns unzufrieden sein läßt, was wir verändert haben möchten, bringt die Anästhesie weiter.
Zum anderen werden die Entwicklungen von den Anforderungen anderer bestimmt. Neue operative Möglichkeiten und Techniken erfordern angemessene anästhesiologische Versorgungen, z.B. die endoskopische Chirurgie oder Transplantationen. Wünsche potentieller Patienten führen dazu, daß wir ein entsprechendes Angebot erarbeiten, z.B. für ambulante Versorgungen.
Zum dritten zwingen vorhandene Grenzen dazu, die geplanten und
gewünschten Entwicklungen an die vorhandenen Gegebenheiten
anzupassen.
Zukünftige Entwicklungen
Die Themen, an denen wir in unserem Fach arbeiten, und die
Problemkreise, die uns beschäftigen, werden in unseren
Fachzeitschriften und auf unseren Kongressen dargestellt.
Insofern gibt die Durchsicht dieser Publikationen einen relativ
objektiven Hinweis darauf, was uns derzeit beschäftigt und
welche Entwicklungen sich anbahnen.
Pharmaka und Forschung
Ein großer Teil der Publikationen befaßt sich mit Pharmaka, deren Auswirkungen auf verschiedene Vorgänge im Körper und deren Interaktion. Vielfach werden Vergleiche zwischen verschiedenen Substanzen angestellt, wobei die untersuchten Effekte eine große Vielfalt aufweisen und die Studien nur sehr begrenzt eine einheitliche Bewertung darüber erkennen lassen, auf welche Größen es bei der Beurteilung einer Substanz letztlich ankommt. Übereinstimmungen finden sich darin, daß eingesetzte Medikamente möglichst gut steuerbar sein sollen, sehr spezifisch und potent wirken und gut verträglich sein sollen. Da trotz aller pharmakologischen Entwicklungen diese Bedingungen noch nicht befriedigend erfüllt sind, wird die Suche nach solchen Pharmaka auch die zukünftige Entwicklung unseres Fachs bestimmen.
Die pharmakologischen Weiterentwicklungen sind ohne Forschung nicht denkbar, Forschung im Labor, in Tierexperimenten, an Versuchspersonen und im klinischen Einsatz. Wissenschaftliche Studien sind ein unverzichtbarer Bestandteil zukünftiger Entwicklungen unseres Fachs, wie ja auch der derzeitige Stand nicht ohne vorausgegangene wissenschaftliche Arbeit hätte erreicht werden können.
Forschung und wissenschaftliche Arbeit sind nicht wertfrei. Das wurde spätestens seit den Entdeckungen auf dem Gebiet der Kernenergie klar. Das zeigt die Debatte um die Gentechnologie und die Fortpflanzungstechnologien. Und das gilt - vielleicht weniger auffällig - auch für die Forschung im Bereich der Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie und der fremdblutsparenden Verfahren, um die fünf Hauptarbeitsfelder unseres Fachs zu nennen.
Ein Phänomen jeglichen Forschens ist es, daß sich immer mehr Spezialgebiete auftun. Angewandt auf die Anästhesie: Die Gesamtzahl der forschenden Anästhesisten wendet sich immer mehr Einzelgebieten und Einzelphänomenen zu. Es wird immer mehr Spezialwissen angehäuft. Der einzelne weiß auf einem eng umschriebenen Sektor gut Bescheid, ist aber nicht mehr in der Lage, das Fach als Ganzes zu überblicken, vielleicht noch nicht einmal mehr, sein Spezialgebiet in das Gesamtfach einzuordnen und dessen Stellenwert zu beurteilen.
Es kommt zu einer Isolierung des Wissenschaftlers. Das zeigt sich tendentiell innerhalb unserer wissenschaftlichen Fachgesellschaft (DGAI) an den nach und nach entstandenen und sicher weiter entstehenden Arbeitskreisen (z.B. Schmerztherapie, Regionalanästhesie, Neuroanästhesie, Geschichte der Anästhesie). Wenn die Gruppe, die sich mit einem Phänomen oder einer Fragestellung beschäftigt, immer kleiner wird, sind die Untersuchungen und ihre Ergebnisse immer schlechter von anderen überprüfbar. Im Extremfall läßt sich ein Untersuchungsgang aus einem nahegelegenen Bereich gar nicht mehr nachvollziehen, weil er so spezifisch oder diffizil ist. Man kann nur noch im Vertrauen auf die Sorgfalt der Untersucher das Ergebnis übernehmen.
Wo die Kontrolle schwieriger wird, droht der Wildwuchs der Forschung. Es können Studien und Ergebnisse präsentiert werden, bei denen die einzige Erleuchtung in der Projektionslampe des Diagerätes besteht.
Dieses Problem anästhesiologischer Forschung - und nicht nur dieser - wird durch die vorgegebene Struktur unserer Hochschulkarrieren noch verstärkt. Wer die Zukunft unseres Faches mitbestimmen möchte, wer in leitende Positionen strebt, kommt heutzutage kaum an der Habilitation vorbei. Die Voraussetzungen dazu beinhalten nur zum Teil die reichhaltige klinische Erfahrung, die man sich mühsam erarbeiten muß. Wesentlich sind Publikationen in Fachjournalen und auf nationalen wie internationalen Kongressen, und zwar in möglichst reichhaltiger Zahl.
Antrieb zu Studien und Publikationen sind nicht selten die Fragen: "Was ist noch nicht untersucht worden?", "Womit kann ich mich profilieren?". Einleitende Sätze mancher Arbeiten lauten dementsprechend verräterisch auch "Folgender Frage wurde bisher noch nicht nachgegangen" oder ähnlich. Ergebnisse einer zusammenhängenden Studie werden in mehrere Einzelveröffentlichungen aufgeteilt, weil die Zahl zählt. Und die Anzahl derer, die als Autoren mitgearbeitet haben sollen, täuscht eine Gründlichkeit vor, die sich aus den Ergebnissen nicht immer bestätigen läßt.
Die ethische Anfrage an die zukünftige wissenschaftliche
Forschung in unserem Fach ist die Frage nach der Sorgfalt, der
Seriosität und der vorrangigen Orientierung am Wohl des
Patienten und nicht am eigenen Wohl.
Technik und Techniken
In der Durchsicht der Fachzeitschriften und Kongresse des letzten Jahres läßt sich als weiteres gewichtiges Arbeitsfeld - auch in der zukünftigen Entwicklung - der Komplex Technik und Techniken herausheben. Dabei geht es um Technik im etwas erweiterten Sinne des Begriffs, nämlich apparative Hilfsmittel und Fertigkeiten. Ein großer Teil der apparativen Technik umfaßt in unserem Fach das Monitoring, die Überwachung des Patienten.
Anästhesie ist heute ohne aufwendige apparative Technik und differenzierte manuelle Techniken kaum noch denkbar. Reichen in akuten Notfallsituationen zunächst auch nur die Sinne, Mund und Hände aus, so hängen die eindrucksvollen Erfolge der Notfalltherapie, der Intensivmedizin und auch der Narkoseführung wesentlich vom gezielten Einsatz unserer technischen Hilfsmittel ab.
Technik übt eine Faszination aus, der wir uns nur schwer
entziehen können. Und auf unsere Fertigkeiten sind wir stolz.
Das birgt die Gefahr in sich, den Einsatz unserer Hilfsmittel zum
Selbstzweck werden zu lassen.
Fall 1:
Ein 84-jähriger Mann mit einer Herzinsuffizienz,
Niereninsuffizienz (Kreatinin 3,8 mg/dl), einer Hypertonie und
einer ausgeprägten cerebralen Insuffizienz, rechtsäugig blind,
bettlägerig, kaum beweglich und nur begrenzt ansprechbar
erleidet zuhause in kurzen Abständen dreimal eine
Bewußtlosigkeit und wiederholte cerebrale Krämpfe. Das Ereignis
führt zur notfallmäßigen Klinikseinweisung mit dem NAW. Auf
der Intensivstation kommt es zweimal zum Herzstillstand, der
durch Reanimation überwunden wird. Beatmung, erneut
Kammerflimmern, dessen Therapie in eine extreme Bradykardie
mündet. Ein passagerer Schrittmacher wird gelegt und, weil es
nicht zur Besserung kommt, ein dauerhafter transvenös
implantiert. Als schwerst pflegebedürftiger Mann, der kaum zur
Kontaktaufnahme fähig ist, wird er schließlich nach Hause
entlassen, wo Verwandte ihn versorgen.
Die Fertigkeiten und Techniken werden rasch und konsequent eingesetzt. Das Team hat gezeigt, was es konnte. Doch gruselt es einem angesichts des Handlungsablaufs, dessen Sinn fragwürdig bleibt.
Technik ist unser Handwerkszeug. Wir haben sie uns als Hilfsmittel geschaffen, um angestrebte Ziele damit erreichen zu können. Wenn wir aber Technik nicht mehr zielgerichtet verwenden, sondern deshalb einsetzen, weil wir sie beherrschen oder die Geräte zur Verfügung stehen, machen wir nicht den Menschen, sondern unser Werkzeug zum Maßstab unseres Handelns. In der Theologie beschreiben wir die Verselbständigung des Menschen als Geschöpf von seinem Schöpfer als Sündenfall. Wenn wir die Geräte und Techniken zum Maßstab unserer Entscheidungen machen, gestatten wir damit den Sündenfall der Technik, die unserer Hand entgleitet und sich gegen uns wendet. Als wichtiger Inhalt einer "Ethik der technischen Welt" nennt Carl Friedrich von Weizsäcker die Aufgabe, "Herr des Plans und der Apparate" zu bleiben. Wenn er es auch für den Umgang mit der Atomtechnologie so formulierte, gilt diese Forderung uneingeschränkt auch für das apparativ sehr umfangreich ausgerüstete Fach Anästhesiologie und Intensivmedizin.
Die ethische Anfrage an die technischen Entwicklungen unseres
Faches ist die Frage nach dem Stellenwert der Technik als
Hilfsmittel oder Selbstzweck. Sie beinhaltet die Frage nach den
Zielen unseres Handelns und Behandelns. Solche Ziele müssen wir
formulieren, damit wir nicht Gefahr laufen, der Faszination des
Machbaren zu erliegen und über die Grenzen der Menschlichkeit
hinauszustoßen.
Umgang mit Grenzen
Das Fallbeispiel verdeutlicht, daß wir in unserem Fach intensive Erfahrungen mit der Grenze zwischen Leben und Tod machen. Das war so und wird auch so bleiben. Die Grenzen haben sich verlagert, weil wir das Leben erhalten oder verlängern können, wo wir vor Jahren dem Tod Raum geben mußten. Da wir jedoch dem Menschen nur innerhalb der Grenzen seiner Endlichkeit zeitweilig helfen und den Tod nicht grundsätzlich überwinden können, stoßen wir auch in aller Zukunft in unserem Fach an die Pforten des Todes.
Wir stehen immer wieder vor der Frage, ob wir eine Behandlung noch versuchen, einige Zeit weiterführen oder auf sie verzichten. Gerade da sind wir gefordert, nicht die Augen vor unseren eigenen begrenzten Fähigkeiten zu verschließen, sondern die Sterblichkeit des Menschen, auch unsere eigene, zu akzeptieren. Wir sind gefordert, Maßstäbe zu erarbeiten und Denkansätze zu entwickeln, die sich am Wohl des Patienten orientieren, der sich uns anvertraut oder uns anvertraut wird.
In unserem existentiellen Zwang ist uns die Entscheidung nicht nur in der Notfallsituation draußen oder auf der Intensivstation auferlegt. Wir haben auch ein Mitspracherecht bei der Planung vor Operationen. Das gilt auch und besonders dann, wenn wir deren Sinn nicht einsehen. Unsere Fertigkeiten und Techniken haben es ermöglicht, schwierige, lebenserhaltende Eingriffe durchzuführen. Unsere Techniken haben Situationen herbeigeführt, die einen sterbenden Menschen am ruhigen Sterben hindern. So haben wir auch das Recht, den Einsatz unserer Techniken zu versagen, wenn eine unsinnige Operation in infauster Situation dazu dient, die eigene Hilflosigkeit eines Operateurs durch Aktionismus zu überdecken.
Die ethische Anfrage an die stetige Konfrontation mit den
Grenzen des Lebens beinhaltet die Fragen nach dem Sinn des
Lebens, nach der Angemessenheit einer Therapie und der
Bereitschaft, die Therapie jederzeit kritisch im Team zu
überdenken.
Kosten und Sparmaßnahmen
Der Hinweis auf die Beachtung von Grenzen wurde viele Jahre
von Manchem als philosophisch-theologisches Geschwätz belächelt
und abgetan, der sich heute von einer ganz anderen Seite her
gezwungen sieht, über Grenzen nachzudenken. Gerade in den
letzten Jahren ist deutlich geworden: Es kann nicht alles
finanziert werden. Und finanzielle Grenzen rütteln offenbar eher
auf als ethische Bedenken. Der Kostendruck wird auch für die
zukünftige Entwicklung unseres Faches eine immer bestimmendere
Größe werden.
Fall 2:
Ein 30-jähriger Mann kommt mit stumpfem Bauchtrauma in die
Klinik. Er hat als Bluter einen erheblichen Faktor-VIII-Mangel,
weil er aus Angst vor AIDS-Infektionen 2 Jahre lang keine
Faktorensubstitution mehr durchführen ließ. Eine Milzruptur und
ein Nierenkapselriß zwingen zur Operation und Faktor-VIII-Gabe.
Nachblutungen zwingen zur Relaparotomie. Blut und
Blutbestandteile müssen in größeren Mengen substituiert
werden. Der Apotheker wird vom Intensivarzt angewiesen, wegen des
erwarteten längeren Verlaufs größere Mengen an Faktor VIII zu
besorgen. Sofort kommt von der Verwaltung der Klinik die Frage,
ob man den Mann nicht in die nächste Universitätsklinik
verlegen könnte. Das Budget der Klinik würde über Gebühr
belastet. Wegen eines Faktor-VIII-Antikörpers benötigt der Mann
bis zu 30 000 IE pro Tag. Das macht einen Tagestherapiepreis nur
für dieses Präparat von 36 000 DM aus.
Wir stehen vor der Frage, für die Therapie eines Patienten einen Teil des Budgets zu verbrauchen, der dann für viele andere nicht mehr zur Verfügung steht. Das Problem ist nicht neu, es rückt uns nur nahe auf die Haut. In der weltweiten Dimension ist diese Verteilungsproblematik bereits lange Realität. Die Medizin der reichen Länder bindet Gelder, die in den armen Ländern dann fürs Überleben fehlen. Der Wunsch der Verwaltung im genannten Fall ist die verbalisierte Konsequenz der neusten gesundheitspolitischen Maßnahmen: Verzicht auf teure Behandlungen oder Untersuchungen. Nur der, der vorher verschwenderisch gearbeitet hat, hat Sparmöglichkeiten, ohne die Patientenversorgung in Gefahr zu bringen. Wer vorher schon sparsam war, muß an der notwendigen Versorgung knabbern.
Die weitere finanzielle Entwicklung in den Krankenhäusern, die Einführung der zukünftigen Abrechnungsverfahren und Budgetierungen werden zusätzlich noch zu einem Verteilungskampf zwischen den Fachabteilungen führen. Bei Abrechnung über eine Fallpauschale und der Verteilung der Gesamtsumme auf alle beteiligten Fachgebiete für eine Cholezystektomie ist die Diskussion vorprogrammiert, wenn der Anästhesist noch bei Verdacht auf Schilddrüsenfunktionsstörungen auf eine Schilddrüsendiagnostik besteht und wegen eines nicht eingestellten Hypertonus eine internistische Vorbehandlung vor der Narkose verlangt. Da auch die Existenz eines ganzen Krankenhauses daran hängen kann, sehe ich die Gefahr, daß der über lange Jahre mühsam erarbeitete Sicherheitsstandard unseres Fachgebietes leidet und einer höheren Risikobereitschaft weicht. Dem kann trotz aller Beteuerungen seitens der Politiker nicht widersprochen werden. Im Bereich der ambulanten Anästhesien im niedergelassenen Bereich sind mir einzelne Beispiele bekannt, die mich ängstigen.
Die ethische Anfrage an den Umgang mit den erkannten
finanziellen Grenzen beinhaltet die Frage, ob wir bereit sind,
unsere Organisationsstrukturen zu ändern und effektiver zu
gestalten, kritisch unseren diagnostischen und therapeutischen
Wildwuchs zu beschneiden und uns im Team kooperativ zu
solidarisieren, um die Versorgungsqualität aufrechtzuerhalten,
oder ob wir nach dem Brechtschen Motto "Erst kommt das
Fressen, dann kommt die Moral" das Risiko für den betreuten
Patienten eingehen, nur damit die eigene Kasse stimmt.
Qualitätssicherung
Damit ist ein Thema angesprochen, das die Publikationen mehr
und mehr durchzieht und in den kommenden Jahren an Bedeutung noch
zunehmen wird, die Sicherung der Qualität unserer Arbeit.
Ethisch betrachtet beinhaltet dieser Bereich die Aufforderung,
offen und übersichtlich seine Arbeit darzustellen, vergleichbar
zu machen und sich kritisieren zu lassen. Wenn wir die vorher
genannten Punkte, seriöse Forschung, angemessene Technik,
Akzeptanz von Grenzen und sparsamer Umgang mit unseren Mitteln,
zu Leitlinien unserer Arbeit machen, brauchen wir den offenen
Vergleich unserer Arbeit nicht zu scheuen.
Fragen verunsichern
Ich bin gebeten worden, ethische Fragen angesichts zukünftiger Entwicklungen in unserem Fach zu formulieren. Fragen verunsichern, sie können als Kritik empfunden werden und sind es auch oft, weil sie bestehende Gewohnheiten anzweifeln. "Immer sind die Fragenden die Gefährlichsten. Es ist nicht gefährlich zu antworten. Eine einzige Frage kann mehr Zunder enthalten als tausend Antworten," läßt Jostein Gaarder Alberto Knox in seinem Roman Sofies Welt zu Sofie sagen.
Insbesondere verunsichern ethische Fragen, weil sie unser
Wertesystem in Frage stellen. Und in der naturwissenschaftlich
orientierten Medizin sind sie spätestens seit dem
Materialismusstreit Mitte des vorigen Jahrhunderts lange
nebensächlich gewesen.
Fragen weisen auf Antworten
Fragen weisen aber auf Antworten, sollen zum Nachdenken anregen. Die Fülle der Möglichkeiten, die sich in der Medizin und insbesondere in unserem Fach aufgetan haben, haben uns die Chance gegeben, auszuwählen, was wir tun wollen. Wir haben damit Freiheit und Macht gewonnen, die uns faszinieren. Jedoch gilt gleichzeitig: Je mehr ich kann, desto mehr muß ich begründen und rechtfertigen. Freiheit und Macht korrespondieren mit Verantwortung. Wir sind gehalten, Modelle der Verantwortung zu entwickeln, um die Macht nicht zu mißbrauchen und uns in der Freiheit nicht zu verlieren.
Dazu müssen wir auf den Menschen sehen, der sich uns anvertraut. Was wir tun, müssen wir unter dem Gesichtspunkt betrachten, welchen Wert das für den Menschen hat, den wir behandeln. Wir sind gefordert, uns ein Menschenbild zu erarbeiten.
Wenn wir uns den Menschen ansehen und betrachten, was wir in der Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin mit ihm machen, so müssen wir erkennen: Wir gehen mit Phänomenen um, die wir letztlich nicht erklären können, obwohl wir Bände von Zeitschriften, Dissertations- und Habilitationsschriften mit Zahlen, Daten und Erklärungen füllen. Was ist Narkose, Bewußtsein, Schmerz? Was ist der Tod, dem wir in der Notfall- und Intensivmedizin Stunden, Tage und Jahre abtrotzen? Was ist das Leben, das wir zu erhalten suchen? Was ist der Mensch?
Wenn wir diese Fragen nicht abtun, sondern angesichts aller absehbaren und noch nicht erkennbaren Entwicklungen unseres Fachs mitbedenken, dann werden wir Ehrfurcht vor dem Heiligen oder Unhandhabbaren gewinnen, Bescheidenheit trotz unserer Leistungsfähigkeit und unseres Wissens lernen, Fähigkeit zur Selbstkritik erwerben und bereit sein können, die zukünftigen Entwicklungen unseres Fachs verantwortlich mitzugestalten.
Keywords
Anästhesie, Intensivmedizin, Ethik, Ökonomie, Limitierungen,
Qualitätssicherung
Anschrift
Literatur
[1] Brecht B (1965) Denn wovon lebt der Mensch, aus: Die
Dreigroschenoper, in: Brecht, B.: Gedichte in Lieder und
Stücken, edition suhrkamp 9, S. 34 - 35
[2] Gaarder J (1993) Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. Carl Hanser, München, Wien
[3] Goethe JWv (1963) Faust. Eine Tragödie. Herausgegeben und kommentiert von Trunz, E., Christian Wegner, Hamburg
[4] Illhardt FJ (1989) Verantwortung, in: Eser, A., von Lutterotti, M., Sporken, P. (Hg.): Lexikon Medizin, Ethik, Recht, Herder, Freiburg, Basel, Wien, 1222 -1228
[5] Jonas H (1979) Das Prinzip Verantwortung. Insel, Frankfurt a.M.
[6] Weizsäcker CFv (1957) Die Verantwortung der Wissenschaft im Atomzeitalter. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen
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