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Prophylaxe und Therapie chirurgischer Infektionen
Konzepte und klinische Wirklichkeit
H. Tassler


4. Beginn der antiinfektiven Therapie

Es ist vorrangig eine Aufgabe der Verlaufsbeobachtung, nach Operationen oder Traumata Infektionen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Nur dann können polymikrobielle Infektionen, die sich auch zeitabhängig entwickeln, verhindert und die Behandlungszeiten durch gezieltes chirurgisches Debridement und ggf. adiuvante antibiotische Maßnahmen deutlich verkürzt werden.

Therapeutische Maßnahmen wurden bei postoperativen oder posttraumatischen Infektionen bei Männern durchschnittlich nach 8,3, bei Frauen nach 7,0 Tagen begonnen mit einer Standardabweichung von 11,7. Besondere Verzögerungen ergaben sich bei den später als mittelschwer eingestuften Infektionen mit einer Latenzzeit bis zur Infek-tionsdiagnose von im Mittel 10,5 Tagen, während später als schwer eingestufte Infektionen nach median 6,6 Tagen zumindest anbehandelt wurden.

5. Weitere Ergebnisse der Auswertung

Die dargestellten Abweichungen der klinischen Praxis von den wissenschaftlichen Empfehlungen zeigen keine signifikanten Unterschiede - weder bezogen auf die einzelnen Facharztgruppen, noch auf die Größe der Krankenhäuser.

Zusammenfassende Bewertung

Die Ergebnisse dokumentieren eine tiefe Lücke zwischen wissenschaftlich begründeten Konzepten und der klinischen Wirklichkeit. Unabhängig von der Größe und dem damit verbundenen Status der Krankenhäuser und nahezu gleichartig in den einzelnen chirurgischen Disziplinen erlaubt die Auswertung der Anwendungsbeobachtung folgende Rückschlüsse:

  1. Epidemiologisch bedeutende Daten werden unvollständig erfaßt, so daß die konkrete Bewertung von Infektionsrisiken eingeschränkt ist.
  2. Infektionsprophylaxe wird nur begrenzt durchgeführt.
  3. Aufgrund mangelnder Verlaufsbeobachtung werden Infektionen erst nach längerer Latenz erkannt.
  4. Manifeste Infektionen werden häufig zunächst antibiotisch, dann erst chirurgisch behandelt.
  5. Die Koordination chirurgischer und antibiotischer Maßnahmen ist unzureichend.
  6. Antibiotikawahl und Behandlungsdauer sind in einem hohen Prozentsatz nicht durch mikrobiologische Vor- und Begleituntersuchungen abgesichert., die zudem auf einer weitgehend mangelhaften Probenentnahme beruhen. Die Kooperation zwischen Chirurgen und klinischen Infektiologen ist die Ausnahme, nicht die Regel.
  7. Weder die Möglichkeiten der antibiotischen Kurzzeitbehandlung, noch die der Deeskalations- oder Sequenztherapie werden hinreichend genutzt.

In dieser Untersuchung wurden die epidemiologisch bedeutsamen operationsbezogenen Risiken nicht erfaßt. Trotz der bekannten Veränderungen der Alterspyramide, die auch bei der vorgelegten Untersuchung deutlich wird, ist die relative Stagnation der Infektionsraten auf niedrigem Niveau fortlaufenden Verbesserungen der chirurgischen Technik mit einem hohen Standardisierungsgrad zu verdanken trotz der unverändert hohen Relevanz auch der operationsbezogenen Risiken.

Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Infektionsraten gesenkt werden können, wenn validierte Programme zur Kontrolle nosokomialer Infektionen eingeführt und in den einzelnen Kliniken durchgeführt werden. Große Studien in mehreren Ländern haben bereits den Rückgang von Infektionsraten durch solche Programme zeigen können. Die externe Qualitätssicherung durch Tracer –Diagnosen ist eher ein Alibi als eine wirkliche Qualitätskontrolle, deren Entwicklung für die chirurgischen Teilbereiche Aufgabe der chirurgischen Fachgesellschaften sein sollte.

Nach den Erfahrungen aus anderen Ländern, insbesondere in den USA ist es für die chirurgische Motivation und Mitarbeit sinnvoll, über codierte Schlüssel auch die Infektionsraten einzelner Chirurgen darzustellen, bei denen neben patienbezogenen Risiken Art und Dauer der Operation berücksichtigt werden.


W. Tassler
Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie
der Städtischen Kliniken
Münsterstaße 240
44145 Dortmund




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