Klinische Versorgung des
Polytraumatisierten
J. Scherer, K. Wiesend, E.
Sebisch, E. Höcherl
Einleitung
Die Rate der traumatisch bedingten Todesfälle hat in
den letzten Jahrzehnten durch Standardisierung der
präklinischen und klinischen Versorgung in den
Traumazentren abgenommen. Eine Reduktion der
Letalitätsraten von polytraumatisierten Patienten in der
Frühphase der klinischen Behandlung ist hierdurch
gemäß Literaturangaben von 40% in den letzten beiden
Dekaden auf unterdessen 18% (Injury Severity Score [3]
von durchschnittlich 21 Punkten) erzielt worden [14, 16,
17].
Ursächlich hierfür steht die Einrichtung von
Traumazentren in den letzten zwei Jahrzehnten mit
entsprechenden organisatorischen, strukturellen und
personellen Voraussetzungen in Kombination mit der
Umsetzung etablierter Management-Leitlinien und
Algorithmen [6, 23]. Die Traumazentren (Level-1- und
Level-2-Krankenhäuser) versorgen in Deutschland hierbei
ca. 100-200 Polytraumen pro Jahr [17]. Standardisierte
Versorgungsprozesse minimieren die notwendigen
Versorgungszeiten und führen über ein verbessertes
Timing und die richtige Prioritätenwahl bei der
Diagnostik und Therapie mit konsekutivem operativen
Stufenkonzept zu einer Minderung des Risikos eines
Multiorganversagens [11, 13]. Eine effektive
Polytraumaversorgung basiert somit auf mehreren Faktoren:
schnelle Rettungszeiten, effektive Schockbehandlung am
Unfallort, infrastrukturell entsprechend ausgerüstetes
Traumazentrum, erfahrener Traumaleader [13, 21].
Die präklinische Versorgung Schwerstverletzter in
Deutschland hat mittlererweile einen hohen Standard
erreicht. Im internationalen Vergleich (mit z.B. USA) hat
das vorhandene flächendeckende Notarztsystem mit dem am
Unfallort agierenden Notarzt den Vorteil einer früheren
zielgerichteten Therapie [1, 4, 10, 18].
Konsekutiv stellen sich günstigere endgültige
Behandlungsergebnisse, insbesondere in der
Überlebensrate dar [18]. Die Qualifikation des Notarztes
ist hierbei im Rahmen des "Fachkundenachweis
Rettungsdienst" durch ein Mindestmaß an
theoretischer Ausbildung und praktischer Erfahrung
gesetzlich geregelt. Individuelle und strukturabhängige
Faktoren determinieren diesbezüglich die Dauer der
notärztlichen Maßnahmen. Eine Entscheidung zum
"Stay and play" oder "Load and go"
sollte jeweils fallbezogen getroffen werden (im Sinne
eines "Watch-Treat-Load and Run") [1, 22].
Ausgehend von der "goldenen Stunde" in der
präklinischen Versorgung von schwerstverletzten
Patienten erfolgt nach Angaben aus dem Traumaregister der
DGU die Einlieferung der Verletzten (ISS >15) im
Durchschnitt innerhalb von 71 +/- 67 Minuten nach dem
Unfallereignis [2, 12, 16]. Diesbezüglich finden sich in
der Literatur jedoch regional unterschiedliche Angaben,
die auch präklinische Versorgungszeiten von über 90
Minuten nachweisen [22, 24].
Innerklinisch ist zur Vermeidung eines protrahierten
Schockgeschehens das sofortige Erkennen des
Verletzungsmusters und die unverzügliche Einleitung
operativer therapeutischer Maßnahmen zu fordern . Hierzu
ist in möglichst kurzer Zeit eine optimale Diagnostik
unter Einschluß der bildgebenden Verfahren
durchzuführen [6, 7]. Die Schockraumversorgung wurde
diesbezüglich in einzelne Diagnostik- und Therapiephasen
unterteilt (s. Tab. 1). Durch die breite Akzeptanz
dieses Stufenplanes ist die Vergleichbarkeit der Abläufe
und Behandlungsergebnisse in Relation zu den jeweiligen
Trauma-Score-Systeme gegeben.
Tabelle 1: Stufenkonzept der
Primärdiagnostik und operativen Versorgung (nach
Mutschler und Haas 1999)
Akut-
oder Reanimationsphase (1. - 3. Stunde)
- lebenrettende
Sofortmaßnahmen der 1. Minute (Alpha)
- dringliche
Sofortmaßnahmen der ersten 5 Minuten
(Bravo)
- dringliche obligate
Maßnahmen der ersten 30 Minuten
(Charlie)
- Komplettierung von
Diagnostik und Therapie (Delta)
|
1.
Operationsphase
- lebenserhaltende Sofortoperation |
| Primärphase
(3. - 72. Stunde) |
2.
Operationsphase
("day-1-surgery")
- verzögerte Primäreingriffe"Vulnerable Phase"
(2. - 4. Tag)
|
| Sekundärphase
(3. - 10. Tag) |
3.
Operationsphase
Verzögerte Operationen
(ab 5. Tag) |
Korrelierend mit den einzelnen Phasen
wird eine diagnostische und therapeutische Zeitspanne
dargestellt.
Hier ist die Basisdiagnostik innerhalb von 15 Minuten
durchzuführen. Gleichlaufend ist gemäß
Körperregion-bezogener weiterer Algorithmen
(Atmung/Kreislauf, Schädel, Thorax, Abdomen,
Bewegungsapparat) die Entscheidung über
"lebensrettende Sofort-operationen" zu treffen
[13]. Gemäß klinischem Verdacht ist hier eine CCT
vorgesehen. In der anschließenden Phase Delta
("Komplettierung von Diagnostik und Therapie")
erfolgt üblicherweise die CT-Untersuchung des Schädels
(ohne vorbestehende perakute Indikation), die Kontrolle
sonographischer Befunde sowie weiterführende
diagnostische Maßnahmen entsprechend klinischer,
radiologischer und laborchemischer Befunde.
Diesbezüglich ist die Untersuchung mittels Spiral-CT
für sonographisch unklare Befunde des
Abdomen/Retroperitoneum, der Röntgenthorax-Untersuchung
(z.B. verbreitertes Mediastinum, Lungenkontusion) wie
auch zur Evaluierung von eventuell vorhandenen
Operationsindikationen von Verletzungen des Stammskeletts
indiziert [13].
In diesem Stufenplan hat sich zeitlich die "golden
half a hour" (Phase Alpha bis Charlie) als
standardisiertes Ziel etabliert.
Allerdings wird die zeitliche Abfolge der
Diagnostikschritte häufig durch strukturelle Ursachen
mit Trennung zwischen Schockraum und CT-Raum in vielen
Traumazentren begrenzt.
Häuser beschreibt in einer Analyse des Spektrums und
Zeitbedarfs der bildgebenden Diagnostik bei
Schockraum-Patienten reine Warte-/Wege-und
Umlagerungszeiten zwischen Schockraum und CT im Mittel
von 14,5 Minuten [7]. Die diagnostikfreie Zeit
(Zeitabschnitte ohne bildgebende Diagnostik) wurde
hierbei mit durchschnittlich 17,9 Minuten angegeben.
Zusammenfassend ergab sich eine Gesamtdauer des
Aufenthaltes in der Diagnostik von 49,1 (12-135) Minuten
für Patienten ohne CT (n=45) bzw 79,4 (15-215) Minuten
für Patienten mit erforderlicher CT-Untersuchung (n=95).
Bis zur Durchführung der Abdomen-Sonographie bei
Patienten ohne notwendige CT-Untersuchung werden
Zeitspannen bis zu 32 Minuten genannt.
Die Wertigkeit der CT-Untersuchung (CCT, Thorax-CT,
zunehmend auch Abdomen-CT) gerade beim
Polytraumatisierten wird in der Literatur zunehmend
betont [5, 8, 9, 15s 19, 20, 253 26~ 27]. Die Anbindung
des CT an bzw. in den Schockraum führt zu einer
deutlichen Reduzierung der Schockraum-Behandlungszeiten
durch den Wegfall der Wege- und Umlagerungszeiten wie
auch zu einer geringeren Belastung der Patienten durch
Vermeidung mehrfacher Umlagerung [5, 7, 19].
Durch den Einsatz von Computertomographen der neuesten
Generation ist eine signifikante Verringerung der
Diagnostikzeit zu erkennen: für ein
Ganzkörper-Spiral-CT mit dem Somatom Plus 4 (Fa.
Siemens) ist ein Zeitbedarf von 1,5-2 Minuten zu
veranschlagen [20]. Neben dem primären Zeitgewinn bietet
die primäre CT-Untersuchung die zügige simultane
Darstellung des Verletzungsmusters von Schädel,
parenchymatösen Organen, des Gefäßsystems sowie des
Rumpf- und Achsenskeletts.
Folgend führt die primäre CT-Diagnostik
polytraumatisierter Patienten zu einer Kürzung der
Primärdiagnostik mit simultaner Darstellung der
wesentlichen Verletzungsmuster mit schnellerer Einleitung
operativer oder intensivmedizinischer Therapiemaßnahmen.
Konsekutiv bewirkt diese Änderung der
"Diagnostikschiene" einen Wandel des
Algorithmus in der Primärversorgung von
Polytraumatisierten [5].
Im Hinblick auf eine weitere Verbesserung der effektiven
Versorgung von polytraumatisierten Patienten ist neben
der situationsgerechten Entscheidung des Notarztes am
Unfallort zur Senkung der Zeiten der Rettungsdienstkette
eine direkte Anbindung bzw. Integration der
Computertomographie in den Schockraum mit folgender
Änderung des Algorithmus zu fordern. Hierdurch ist eine
Reduzierung der Belastung der Patienten mit Vermeidung
mehrfachen Umlagerns, Abkürzung der Primärdiagnostik
und rascherer Einleitung spezifischer Therapiemaßnahmen
zu erzielen. Diesbezüglich sind in der Folge die
Behandlungsergebnisse zu evaluieren und mit den bisher
erzielten Ergebnissen zu vergleichen.
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J. Scherer, K. Wiesend, E. Sebisch,
E. Höcherl
Abteilung für Unfall-, Hand- und
Wiederherstellungschirurgie
Städtisches Krankenhaus München-Schwabing
Kölner Platz 1
D-80804 München
Tel. 089 3068 2001
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